"Ich bin Jugoslawe - ich zerfalle also"

7. November 2006, 13:27
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"Wie der Soldat das Grammofon repariert": Saša Stanišic, der Bub, der alte Balkan und der undurchsichtige Krieg

"Bevor die Soldaten kamen, war alles so, wie es zuletzt immer gewesen ist", erklärt der Bub, der im Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Saša Stanišic eine kindliche Welt vor den Jugoslawienkriegen sowie deren Schrecken und Auswirkungen schildert. Er beginnt im August 1991 mit dem Tod des Großvaters Slavko, eines beflissenen Tito-Parteigängers, und dem folgenden bukolischen Fest aus einer Epoche, als man sich die Bäuche noch mit Pflaumen voll schlug und den Nationalitätengrimm noch bändigen konnte.

Immer wieder kommt er auf die Familiengeschichten zurück, die das weiche Licht einer alten Zeit auch auf dunkle Momente legen. Für Oma Katarina sei die Vergangenheit ein Sommerhaus mit Garten und die Gegenwart eine Straße, die "wegführt von diesem Sommerhaus, unter Panzerketten wimmert, nach schwerem Rauch riecht und Pferde hinrichtet". Beides müsse man erinnern, flüstert die Oma auf dem Rücksitz des Fluchtautos, "die Zeit, als alles gut war, und die Zeit, in der nichts gut ist".

Darum bemüht sich der Enkel Aleksandar. Zu Kriegsbeginn ist er zwölf oder dreizehn, schreibt merkwürdige Schulaufsätze, lebt in Višegrad an der Drina, in der sein anderer Opa ertrunken war und zu der er, ein kleiner Meisterangler, oft spricht. Dieser Erzähler, der gerne ein "Fähigkeitenzauberer" wäre, bedient übliche Balkanvorstellungen: Gelage von Zwiebel und "hackfleischgefülltem Hackfleisch" bis zu Baklawa und Schnaps, rauchendes Fantasieren über Roter Stern in Fußball und Politik, Träume unterm Tisch, darüber Musik und Schüsse, Gefühlsseligkeit und Gewalt, alles frenetisch.

Saša Stanišic, 1978 in Višegrad geboren, ist die Wege seines Aleksandar gegangen, wie sein Held 1992 nach Deutschland geflüchtet. Beim Bachmann-Wettbewerb gewann er 2005 den Publikumspreis. Seine Prosa, die durchaus einen naiven Charme entwickelt und ansprechend literarisiert wirkt, vermag in vielen Abschnitten zu gefallen. Als dicker Roman, den Stanišic nun zu seinem Debüt vorlegt, hat sie die sonderbare Jury des Deutschen Buchpreises beeindruckt, die Wie der Soldat das Grammofon repariert auf ihre Shortlist gesetzt hat.

Gewiss, der Roman hilft uns in der Einordnung, dieser Bosnienkrieg sei ein Blitzen einer anderen Welt gewesen und der Balkan sowieso eine undurchsichtige Angelegenheit. Er bietet auch tatsächlich einige faszinierende Passagen, etwa jene vom Fußballspiel, das die gegnerischen Soldaten auf einer Bergwiese über Sarajewo während des Waffenstillstands austragen: "Um 14.28 schoss vom nördlichen Waldrand, aus dem serbischen Graben, der Ball in hohem Bogen auf die Lichtung." Gewiss, die Konstruktion ist interessant, mit einer bemerkenswerten Verschiebung versehen: Das erste Kapitel des Romans ist das vorgeblich letzte in einem breiten Zwischenkonvolut; dort, wo dessen Inhaltsverzeichnis es ausweist, steht es nicht. Allerdings setzt Stanišic mitunter zu simpel auf abgenützte Formalismen – siebzehn Varianten eines Telefonanrufs, Wortwiederholungskaskaden ("es gibt, es gibt, es gibt"), Zahlenreihen auf zwei Seiten – und auf deren explizite Fixierung. Sein Programm, schreibt Aleksandar, sei "die Überhöhung der eigenen Geschichte und endlose Listen." In diesen Erstling ist zu viel hineingestopft, eine jüdische Erinnerung an Gräuel im Zweiten Weltkrieg und Listen und Aufsätze und ein ganzes dem Schüler Aleksandar zugeschriebenes Konvolut samt Vorwort der Oma. Vor allem aber bleibt er in der Perspektive eines (wenn auch besonders aufgeweckten) Buben. Der lockere Ton erzielt seine Effekte durch kleine Verschiebungen, durch leicht naives Wörtlich-Nehmen: "Ich bin Jugoslawe – ich zerfalle also." Dieser Duktus scheint zwar für die Szenen zu Kriegsbeginn plausibel, im zweiten Teil hingegen unmotiviert und problematisch.

Aleksandar schreibt aus Deutschland Briefe an jene Asija, deren Hand er gehalten hat, als die Soldaten das Hochhaus verwüsteten. Auf der Suche nach ihr und nach seinen Erinnerungen fährt er 2002 nach Bosnien. Der Erwachsene bleibt seiner kindlichen Sicht verhaftet. Es wirkt reichlich plump, wenn er bei aller Information, über die er mittlerweile verfügen muss, sich "fest vorgenommen" hat, "alles vorzufinden, wie es immer war."

Der Bosnienkrieg war, von hier zu Lande aus gesehen, so nah und so weit weg. Dabei bleibt es im Roman, der vieles im Verschwommenen lässt. Tausende wurden in Višegrad massakriert, und Stanišic berichtet aus dem Schutzkeller, dass "niemand genau wusste, wer das war, diese unsere Truppen", und eine Radiostimme den Namen der Stadt wie etwas aussprach, "wovor man in keinem Versteck sicher war". Eine "Armee von bärtigen Bräutigamen" sei vorbeigefahren, "sie schossen den Himmel an und feierten, die Stadt zur Braut genommen zu haben." Das Massaker ist ins Poetische, in das Undurchschaubare entrückt, später mit ein paar Vorfällen zur punktuellen Episode verkleinert. Derart findet sich oft das unmenschlich Grausame halblustig überspielt, verharmlost wie jene Anspielung auf Titos KZ-Insel Goli Otok, die in den Überlegungen zu den vielen Toden des Genossen Tito untergeht, gefolgt vom Satz: "Gute Geschichten erzählen zu können wird vererbt, aber überspringt schon mal eine Generation."

Saša Stanišic hat diese Gabe. Er könnte sie ansprechender einsetzen, wenn er nicht den Klischee-Erwartungen entsprechen wollte. (Klaus Zeyringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)

Saša Stanišic, "Wie der Soldat das Grammofon repariert." Roman. € 20,60/ 317 Seiten. Luchterhand, München 2006
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    foto: luchterhand
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