deutsch

28. Oktober 2006, 12:57
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unvorhersehbares unheil durch das neutrum

als der schöpfer aller sprachen die deutsche sprache erfand, hatte er nicht seinen besten tag. in die säuberliche trennung von männlich und weiblich hatte sich in einem schwachen moment das neutrum gemischt, unvorhersehbares unheil stiftend. nachdem er schnaps und wein zum maskulinen element bestimmt hatte, musste er beim bier etwas nachgeben, sozusagen einen harmonisierenden ausgleich schaffen: das bier. die milch ergab sich von selbst als feminin. da er sich bei sich selbst schon für das männliche prinzip entschieden hatte – deutsch ist einmal deutsch – hatte er sich zu sehr mit den männlichen getränken eingelassen. etwas benebelt – der nebel – was ja im schöpfungsakt nichts widernatürliches wäre – erklärte er raum, fluss und berg als maskulin, das weib aber aus unerklärlichen gründen als neutrum. wird der mann zur bestie, muss er grammatikalisch sein geschlecht wechseln, während eine frau einen aufsatz nur als männliches wesen schreiben müsste. lass dich nicht auf diese fragen ein, flüsterte mir ein engel, der zum neutrum prädestiniert wäre, ins ohr, denn das deutsche mensch ist unergründlich. hier fehlen zwei beistriche, mischte sich der schöpfer aller sprachen ein, es heißt: das deutsche, mensch, ist unergründlich. falsch, erlaubte sich der vorlaute engel mit luziferischem blick aufzubegehren: der mensch ist heute nicht mehr zu verantworten. besser wäre das mensch, aber da legen sich sicher wieder die bayern quer. (Friedrich Achleitner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)

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