Arbeit, die die Freizeit frisst

1. November 2006, 18:13
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Eine Projektschau in Graz widmet sich den modernen Arbeitswelten und ihren Auswirkungen auf die Menschen

Die modernen, flexiblen Arbeitswelten mit ihren großen Unsicherheiten stehen im Mittelpunkt einer Projekteschau in Graz. Die Frage, wie weit die Forderung nach mehr Flexibilität gehen darf, wird in den Objekten und Entwürfen kritisch, aber klar beantwortet: sehr weit.

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Graz – „Ich arbeite 70 Stunden in der Woche“, sagt der lächelnde Mann, der im schicken Anzug mit Rastalocken im Großraumbüro sitzt. Sein Outfit signalisiert einen unabhängigen, gut bezahlten Freidenker, seine Arbeitszeit ist die eines ganz normalen Arbeitssklaven. Diese Szene aus dem Film von Carolin Schmitz „Sitzend überleben“, aus den Porträts internationaler Architekturbüros, wird in der Ausstellung „arbeiten“ gezeigt, die als Kooperation mit dem steirischen herbst im Grazer Haus der Architektur (HDA) bis 17. November 2006 zu sehen ist.

Die Schau ist der zweite Teil einer Reihe des Hauses in der Grazer Engelgasse, die nach dem Thema Wohnen nun einen Bereich aufnimmt, der „so hochaktuell und gesellschaftspolitisch relevant ist, aber in der Architektur das Unhippeste ist, was man sich vorstellen kann“, erklärt Co-Kuratorin Gabu Heindl: Das Thema, wie modernes Bauen auf die neuen Formen postfordistischer Arbeitsverhältnisse reagiert, also auf das Arbeiten unter den Maximen der Effizienz, der Flexibilität, der schrumpfenden staatlichen Sicherheitsnetze und Arbeitsplatzsicherheit.

Zahlreiche internationale Künstler und Architekten haben in der Schau den Focus auf diese Phänomene gelegt – durch Beispiele von realen Bauten, futuristischen Gedankenspielereien und Bildern. Dabei stehen nicht mehr „ikonische, sichtbare“ (Heindl) Arbeitsplätze wie etwa Fabriken im Mittelpunkt – obwohl die ausgestellten beiden Siegerprojekte des diesjährigen Architekturstaatspreises, das T Center St. Marx in Wien und das Verwaltungsgebäude von Travel Europe in Stans, Beispiele dafür sind.

Laptop im Bett

Sondern die Orte der vernetzten, immateriellen Arbeit, wo privater und beruflicher Raum zunehmend ineinander verschwimmen. Der Laptop im Bett ist ein Bild dieser „Flexibilität“, die den herkömmlichen Feierabend quasi nicht mehr zulässt.

Eine ausgearbeitete, positive Kreation hingegen ist Markus Pernthalers „Rondo“, die Idee eines multifunktionalen Quartiers in der ehemaligen Grazer Marienmühle im Arbeiterbezirk Lend. Dort entsteht ein in Graz seltener städtebaulicher Entwurf für die fließenden Grenzen zwischen privat und öffentlich. Wohnungen und Büros sind miteinander harmonisierende, in einander wachsende Räume.

Doch sehr viele Beiträge der Ausstellung stellen auch Fragen, etwa: Wie weit sind wir bereit, für den Neoliberalismus zu gehen? Wie viel Flexibilität darf man von Arbeitnehmern erwarten? Sehr weit, meinen Studenten der Grazer TU, die für das Projekt nine2five vordergründig böse und witzige, hintergründig aber auch ziemlich ernste Vorschläge für gewinnorientierte Unternehmer haben: etwa „Gunnar“, die einem großen roten G ähnelnde mobile Workstation für Telearbeiter, die man gar nie zu verlassen braucht, weil sich Sitz und Bildschirm auch in Liege-position kippen lassen: Gute Nacht, Freizeit!

China in Halle

Johannes Fiedler und Jördis Tornquist spielen in ihrem urbanistischen Szenario „exterritories“, das nach Graz in New York zu sehen sein wird, mit der Idee ausgegliederter Gebiete in schrumpfenden Städten als logische Konsequenz der Globalisierung: Konkret wurde das Panorama einer chinesischen Sonderwirtschaftszone in der ostdeutschen Stadt Halle errichtet.

Die Gruppe Monochrom feiert indes in einem extra Raum den Geburtstag des Kapitalismus mit einer hübschen versalzenen und verpfefferten Torte. Sätze wie „Eine Fixanstellung muss man sich erst einmal verdienen“ oder „Ich hab nicht einmal einen Kündigungsschutz“ flimmern über den schwarzen Monitor, welche die Gruppe der Zeitung Malmoe in ihrem Schauraum aufgestellt hat. Unterlegt werden diese Sätze gelebter Präkarität mit anachronistischen Klängen: russischen Arbeiterliedern. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 28./29.10.2006)

  • Arbeiten und schlafen, ohne dazwischen aufstehen zu müssen: "Gunnar" vom Grazer Projekt nine2five ist eine mobile, kippbare Workstation
    foto: hda

    Arbeiten und schlafen, ohne dazwischen aufstehen zu müssen: "Gunnar" vom Grazer Projekt nine2five ist eine mobile, kippbare Workstation

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