Neue Aussichten und doch schon "Am Ziel"

30. Oktober 2006, 19:24
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Bernhard-Stück am Landestheater NÖ

St. Pölten - Klassische Konzertklänge hat das Landestheater Niederösterreich dem vorgelagerten Rathausplatz angewöhnt, um die Stadtbewohner eindringlich auf Premieren hinzuweisen. Jüngst erschallten sie für Am Ziel, jenes Drama von Thomas Bernhard, das dort Anschmiegsamkeit vorgaukelt, wo die Kampfbeziehung zum Publikum verhandelt wird.

Mutter und Tochter einer ruinösen Industriellenfamilie stehen in Vorbereitung für den jährlich wiederkehrenden Trip zum Ferienhaus am Strand. Die Tochter (Katrin Stuflesser) ist dabei ganz in die eigene Existenzsicherung - ihrer Trägheit nämlich, gegenüber äußere Einflüsse - vertieft. Das Packen ihrer Kittelsammlung würde wohl mit der Szenerie der unbehaglichen Wohnlieferhalle (Bühne: Ilona Glöckel) ganz verschmelzen, wären nicht die kontinuierlichen Erniedrigungen durch die Mutter (Maresa Hörbiger).

Diese hat sich der Trunksucht verschrieben und breitet ihren selbstgefälligen Redeteppich über die Mitwelt aus. Den Gatten sowie ihren Sohn hat sie vor Jahren schon ins Grab gestoßen. Nun kann sie in Hinwendungen zur Tochter aufgehen: "Bitte, knie dich hin. So hab ich dich immer geliebt!" Solcherart Eintracht kann nur noch der "dramatische Schriftsteller" (Matthias Lühn) als Urlaubsgast zersetzen. Im zweiten Bild, am Ferienort, ist das Mutterviech nur noch mit der gönnerhaften Entsorgung seiner Lebensberechtigung beschäftigt.

In Hochform bohrt Maresa Hörbiger Bernhards Wortgewalt als quietschende Sprachschrauben ins Geschehen. Regisseur Wolfgang Hübsch hat die Restfiguren am Rand arrangiert. Weder die zurückgenommene Präsenz von Stufflesser, noch Lühns Übertreibungsgestus sollen am mütterlichen Vernichtungsdrang nagen können, wo er doch so wohlgeformt von Bernhard aus der Gesellschaftsmitte entlehnt wurde.

Peter-Brook-Gastspiel

Die erfolgreiche Intendantin Isabella Suppanz kündigt auch für ihre zweite Saison ein Pendeln zwischen ausgesuchtem Mainstream und seiner Erneuerung an. Für heute, Samstag, hat sie Ulli Maiers vielbeachtete Überarbeitung von Ingeborg Bachmanns Malina vom Schauspielhaus Bochum geholt.

Als nächste Eigenproduktionen werden die Politfarce Außer Kontrolle von Ray Cooney und Büchners Woyzeck erarbeitet. Zur Bestätigung hochkarätiger Programmierarbeit hat man für Februar Peter Brooks The Great Inquisitor mit Bruce Myers erstimportiert. Und im März ruht die Hoffnung auf der Auffrischung von Molières Menschenfeind durch die Regiehoffnung Dora Schneider. (Georg Petermichl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)

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