Komödie im Lügenkorsett: "Die Kaktusblüte"

27. Oktober 2006, 19:21
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Reinhard Schwabenitzky entstaubt den Stoff in den Wiener Kammerspielen

Wien - Ein Cocktail an Unterhaltungsstilen der 1950er - die Zeiten des Petticoats untermalt mit Klängen von Freddy Quinn & Co und trotzdem französisches Flair - bildet den Nährboden für Reinhard Schwabenitzkys Die Kaktusblüte. Das Stück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy wurde durch seine Verfilmung 1969 bekannt: Walter Matthau spielte den Zahnarzt Julien, der seiner schwindenden Jugend unbedacht, Goldie Hawn als gutgläubige Geliebte auf Distanz hält.

Ehefrau und Familie werden ihr vorgelogen; aufopfernd steht dem Arzt seine Sprechstundenhilfe Stefanie zur Seite. Das Wiener Dreieck dieser Beziehungskiste bilden Andreas Steppan (Julien), Hilde Dalik (Antonia) und Elfi Eschke (Stephanie). Ein Selbstmordversuch der unglücklich in den Doktor verliebten Antonia hat ihn wachgerüttelt: Jetzt soll geheiratet werden, allerdings muss er sich erst aus seinem Lügenkorsett befreien.

Typisch Komödie, funktioniert das am besten, in dem er sich weiter darin verstrickt. So verpflichtet Julien seine mürrische Assistentin, der Lüge Gestalt zu geben. Im Versuch, Antonia von einer gescheiterten Ehe zu überzeugen, muss viel, unter anderem der Lover (Oliver Huether) der falschen Gattin, aufgeboten werden. Alexander Pschill und Olivia Silhavy komplettieren ein stimmiges Ensemble.

Schwabenitzky entstaubt den Stoff, er lässt Unterhaltungsstereotypen der 1950er aufeinanderprallen. In die Figurenkonstellation zwischen Womanizer (Steppan), Naivchen (Dalik) und dem Spaßvogel in Jerry-Lewis-Format (bestechend: Oliver Huether) lässt sich perfekt Elfi Eschke einfügen: Zu kratzbürstiger Ehrlichkeit gerostet, erkämpft sie glanzvoll mit entlarvenden Kommentaren doch noch ein Stück eigenständiger Lebensfreude. Mitunter wird die Emanzipationsromantik durch Bühnenumbau gebrochen. (pet / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)

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