Das Schicksal eines Clowns: Regisseur Markus Kupferblum im Interview

7. November 2006, 13:07
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Der Wiener realisiert in London ein Projekt über Engel und berichtet er über ein absurdes Erlebnis in seiner Heimatstadt

STANDARD/Thomas Trenkler: Die Leitung des Wiener Schauspielhauses wurde ausgeschrieben. Ich nehme an, Sie haben sich beworben?

Kupferblum: Das stimmt. Ich habe zwar ein sehr schönes Leben, ich inszeniere in St. Petersburg, Korea, Israel, Paris ... Aber es ist das Gegenteil von dem, was ich mir immer gewünscht habe. Denn seit der Gründung meiner Gruppe das Totale Theater 1987 habe ich das Bedürfnis, kontinuierlich zu arbeiten: Ich möchte mit einem Ensemble eine eigene Sprache entwickeln. Dafür brauche ich eine Struktur. Das Schauspielhaus wäre ideal.

STANDARD: Sie haben sich zuvor um einen Vierjahresvertrag bemüht. Aber nicht bekommen ...

Kupferblum: Ich habe auf 48 Seiten dargelegt, warum ich nicht an einem einzelnen Projekt interessiert bin. Und ich habe genau beschrieben, dass ich verschiedene Fokusse setze: auf Musik, auf Sprache, auf Akrobatik, auf Masken, auf die Position des Zuschauers. Das Totale Theater zielt eben auf das Zusammenspiel von verschiedenen Medien und dramatischen Ausdrucksformen ab. Das kann man nicht in einem Monat realisieren! Die Jury meinte, das Konzept sei sehr spannend - und empfahl mich für eine Projektsubvention. Also: Entweder hat man das Konzept nicht gelesen - oder nicht verstanden.

STANDARD: Und so haben Sie doch ein Projekt eingereicht?

Kupferblum: Ja, eine Barockoper, La Didone abbandonata von Pier Francesco Cavalli, die ich mit Claudio Osele realisieren würde, der mit Cecilia Bartoli gearbeitet hat. Ich suchte um 120.000 Euro an. Aber die Kuratoren meinten, das sei wahnsinnig viel Geld. Ich antwortete: "Das ist Musiktheater! Da sind ja mehr als 30 Personen beteiligt!" Und dann haben die Kuratoren gesagt, ich soll mir etwas überlegen, das maximal 30.000 Euro kostet.

Ich war derart enttäuscht, weil ich schon wieder missverstanden wurde, dass ich das gleiche Projekt noch einmal einreichte - mit der Summe 30.000 Euro. Die Kuratoren haben nun gemeint: "Das ist ein großartiges Projekt! Aber da sind ja gar keine Budgets für die Sänger und Musiker vorgesehen?" Und ich sagte: "Natürlich nicht! Ich habe all das gestrichen, was Musiktheater ausmacht. Um 30.000 Euro kann ich nur einen Monolog machen." Und für diesen habe ich die Zustimmung erhalten. Ich werde die Oper daher 2007 eben als Monolog realisieren ...

STANDARD: Ist das nicht absurd?

Kupferblum: : Völlig. Das klingt wie erfunden! Ich werde die Genese auch auf der Bühne erzählen. Denn dieses Erlebnis ist symptomatisch: Ich kann derzeit keinen kulturpolitischen Willen entdecken. Man drückt sich um eine inhaltliche Diskussion. Für große Institutionen gibt es immer Geld. Und wenn Stars involviert sind, ist es völlig egal, wie viel etwas kostet, weil man das Event medial verkaufen kann. 48 Millionen für den Ronacher-Umbau sind kein Problem, aber 120.000 Euro für eine Oper: Das geht nicht!

Hinzu kommen Juryentscheidungen, die das Mittelmaß fördern, weil ein demokratischer Konsens immer zum Mittelmaß führt. Das ist im politischen Leben gut, um radikale Tendenzen auszuklammern, aber im künstlerischen Leben tödlich! So wurde die Szene in Wien ziemlich kaputt gemacht. Da muss es einen Paradigmenwechsel geben. Man muss wieder anerkennen, dass Kunst etwas mit Risiko zu tun hat.

STANDARD: Wenn tatsächlich die Risikobereitschaft fehlen sollte: Was sind die Gründe?

Kupferblum: Es hat eben der Neoliberalismus auch in der Kulturszene Einzug gehalten. Im Neoliberalismus darf man kein Risiko eingehen, da muss man hohe Auslastungszahlen haben, Ergebnisse liefern, die messbar sind. Das generiert eine Atmosphäre der Angst. Weil man permanent unter Existenzdruck steht. Das ist ein Riesenproblem.

Und den Politiker interessiert es nicht, wenn ich ihm sage, dass in fünf Jahren etwas ganz Tolles da stehen wird, denn dann ist er vielleicht nicht mehr zuständig. Der Politiker will sofort ein sichtbares Ergebnis. Es gibt derzeit keine Entscheidungsträger, die in einem Pflänzchen die Qualität erkennen wollen und es über längere Zeit ohne Erwartungen fördern. Ein Beispiel: Der französische Staat hat Peter Brook ab 1968 fünf Jahre unterstützt - ohne Aufführungsverpflichtung. Und Brook ist nach Afrika gefahren: Seine damaligen Erfahrungen sind noch immer die Grundlage seiner Arbeit.

Oder: Das National Theatre in London wird jetzt von zwei ehemaligen Protagonisten der freien Szene geleitet, darunter von Simon McBurney, der das Complicity Theatre gegründet hatte. Und das National Theatre bespielt jetzt einen Raum unter der London Bridge Station. Die Station ist voller Leben und es gibt wie im Steppenwolf eine kleine Tür. Auf der steht zwar nicht "Magisches Theater", sondern "Fire Exit" - und wenn man eintritt, gelangt man in ein grandioses Kellergewölbe. Dort realisiere ich ein Projekt über Engel. Die Premiere ist Ende November.

STANDARD: In den frühen 90er-Jahren haben Sie das Theater am Mittersteig angemietet und versucht, die Kulturpolitik unter Druck zu setzten. Das Experiment ist gescheitert.

Kupferblum: Ich war sehr naiv damals. Ich bedauere, dass ich mir damit Feinde in der Stadt gemacht habe. Ich wollte mir eigentlich nur Freunde machen. Das ist das Schicksal des Clowns. Ich finde es nach wie vor schade um den Mittersteig: Der Raum aus der Jugendstilzeit ist eines der schönsten Theater in Wien. Man überlegt doch Koproduktionshäuser: Er könnte ein solches sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.10.2006)

Zur Person: Markus Kupferblum, 1964 in Wien geboren, studierte u.a. an der Hochschule für Musik und an der Clownschule École Philippe Gaulier/Monika Pagneux (Lecoq) in Paris. Er ist international als Theater-, Opern- und Filmregisseur tätig.
  • Markus Kupferblum vermisst in Wien einen kulturpolitischen Willen.
    foto: standard / robert newald

    Markus Kupferblum vermisst in Wien einen kulturpolitischen Willen.

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