Tirol zum Totlachen

31. Oktober 2006, 10:46
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Deftiges aus Kramsach: Zum Lesen auf dem Friedhof, zum Verzehr im Gasthaus

Friedhöfe sind in der Regel keine Orte zum Schmunzeln oder gar lauten Lachen. Im Tiroler Kramsach am Inn ist das anders. Dafür aber gibt es dutzende von schmiedeeisernen Grabkreuzen mit Inschriften, die den Besucher zumindest schmunzeln lassen. "Hier liegt mein Weib, Gott sei's gedankt, oft hat sie mit mir gezankt, oh lieber Wanderer geh gleich wieder fort von hier, sonst steht sie auf und zankt mit Dir", ist da zum Beispiel zu lesen. Die Warnung bewirkt das Gegenteil. Die Friedhofsbesucher zieht es zum nächsten Kreuz und zum übernächsten, und auf jedem dieser Grabkreuze ist ein frecher, manchmal anzüglicher oder grob zweideutiger Spruch zu lesen.

Der Friedhof von Kramsach in Tirol ist eine Museumsanlage, hier gibt es keine Toten. Ein Kunstschmiedemeister, der von Berufs wegen mit schmiedeeisernen Grabkreuzen befasst ist, hat Jahre lang vor allem in Tirol, aber auch im gesamten deutschsprachigen Raum der einstigen k.u.k. Monarchie Grabkreuze mit Sprüchen gesammelt, die für unsere Begriffe auf einem Friedhof einfach undenkbar sind. "Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug." oder "Hier ruht die Jungfer Rosalind, geboren als ungewünschtes Kind, ihr unbekannter Vater war Kapuzinerpater" sind andere Inschriften hier.

Auf der Sonnseite

Dass sich zwischen diesem Friedhof und der touristischen Landschaft um Kramsach ein Zusammenhang herstellen lässt, erscheint auf den ersten Blick so kurios wie die vielen Grabsprüche selbst. Aber tatsächlich gilt auch für Krams-ach, dass dort zwar keine Totenstille herrscht, der Ort allerdings zu wissen scheint, wie man Ruhe und Heiterkeit verbindet. Auf der Sonnseite des Tales liegt er sowieso, was im Sommer die wärmsten Badeseen Tirols garantiert und im Winter bar großer Pisten-Attraktionen sanfte Vergnügen wie Eislaufen oder Eisstockschießen. Vom sonnigen Allgemeinzustand der Krams-acher sollen nun auf kuriose Weise auch die benachbarten Rattenberger profitieren, wo von November bis Februar die eigentliche Friedhofstimmung herrscht. Der Ort liegt nämlich rund 100 Tage vollkommen im Schatten und wird daher demnächst durch riesige Spiegel mit Sonnenlicht aus Kramsach versorgt.

Aber auch als Orientierungshilfe für die gastronomischen Gepflogenheiten ist die eine oder andere Tafel am Kramsacher Friedhof äußerst hilfreich. Wenn man hier liest "Unter diesem Rasen liegt die versoffene Kupferschmied Nas'n" oder "Hier liegt Johannes Weindl, Er lebte wie ein Schweindl, gesoffen hat er wie eine Kuh, Der Herr geb' ihm die ew'ge Ruh", geht's in der Realität dann doch nicht mehr ganz so wild zu. Außer vielleicht speisetechnisch, denn zurzeit konzentrieren sich die meisten Wirtshäuser auf die Wildbretwochen.

Eine eigene Brauerei sucht man vergebens um Kramsach, und wenn man dann erfährt "Christ steh still und bet a bissl: Hier liegt der Bauer Jakob Nissl, Zu schwer fast muß er büßen hier, er starb am selbstgebrauten Bier", wird schnell klar, dass neben Selbstgebrautem vor allem auf nachbarschaftliche Hilfe aus Bayern gesetzt wurde und wird. Kulinarisch angewandt bedeutet das: Sind die Wildbretwochen vorbei, kehrt auch der Kramsacher Hof wieder zum grenzübergreifenden Programm zurück: Stelzen, Radi und Bier. Die Gebrüder Müller jedenfalls dürften ebenso maßlos gelebt haben wie "ihre" Saufkumpanen vom Kramsacher Friedhof. Wie sonst könnte man den ihnen gewidmeten Spruch deuten: "Hier in dieser Gruben ruhen zwei Müllerbuben, geboren am Chiemsee, gestorben am Bauchweh."

Rustikale Späße

Dann wieder klingen die Sprüche, die hier in Kramsach zusammengetragen wurden, geradezu heiter-naiv wie etwa in diesem Fall "Hier ruht in süßer Ruh erdrückt von seiner Kuh Franz Xaver Maier. Daraus sieht man wie kurios man sterben kann". Fast ein wenig enttäuscht wird dann sein, wer sich im Kramsacher Museum für Tiroler Bauernhöfe umsieht und feststellt, dass die Lebens- und Arbeitswelt vergangener Tage vielleicht hart, aber zum überwiegenden Teil doch deutlich weniger spektakulär und anekdotenhaft gewesen sein muss.

Wer dennoch glaubt, dem "Tod" (in Wirklichkeit auf völlig ungefährliche Weise) stets nahe sein zu wollen, kann ja noch einen Abstecher in den Hochseilgarten machen oder eine Rafting-Tour beim Krams-acher Spezialisten für todlässige Outdoor-Späße, dem "Sport-Ossi", buchen. (Christoph Wendt/Der Standard/Printausgabe/28./29.10.2006)

  • Nicht als Bosheit waren  solche Sprüche  gedacht, sondern  als naive Beschreibung der auffälligsten Charakteristika  in der Biografie der Verstorbenen.
    foto: museumsfriedhof

    Nicht als Bosheit waren solche Sprüche gedacht, sondern als naive Beschreibung der auffälligsten Charakteristika in der Biografie der Verstorbenen.

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