Ansichten eines Pendlers

9. November 2006, 11:17
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Bitte einsteigen in den Deniz Otobüsü und im Meeresbus eine Kontinental-Verschiebung im Istanbul-Bild genießen

Es ist eine kleine Insel, zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Klein, und vom Bordrand aus gesehen, scheinbar sogar leicht schwankend. Denn die Istanbul Straits sind keine ruhige, sondern eine recht kabbelige Wasserstraße. Diese Insel, die, je näher man kommt, erstaunlich übers Postkartenformat hinauswächst, verbanden freilich schon ganz andere Dinge mit Europa. Am allerstärksten eine Eisenkette, deren eines Ende hier befestigt gewesen sein soll, während sich das andere am Mangana Palast festhakte - eben auf der anderen Seite des solcherart abgesperrten Bosporus. Denn wenn es wieder einmal eng wurde für die Stadt, die damals noch Byzanz hieß, und eine Durchfahrtssperre ausgerufen wurde, war klar, welche Straßen die wichtigsten war: der Bosporus natürlich, das Marmara Meer und die schlammige Sackgasse des Goldenes Horns.

Doch deswegen schippert man nicht zum Kiz Kulesi hinüber, dem Stambuler Mädchenturm, der seit dem 18. Jahrhundert einige hundert Meter vom asiatischen Ufer des Bosporus aufragt, und der der Reihe nach als Leuchtturm, optischer Telegraf, Quarantänestation, Zollhaus, Alterssitz für Seeoffiziere und vor allem als Wahrzeichen einer Stadt mit entschieden amphibischem Naturell diente. Man kommt vermutlich noch nicht einmal wegen des Restaurants, das vor einiger Zeit hier eröffnet wurde, und wohl ebenso wenig, um sich auf die Fersen von Elektra King alias Sophie Marceau zu heften, die im James-Bond-Film "Die Welt ist nicht genug" hier ihre Fäden zog. Fisch essen oder böse Schönheiten suchen kann man in einer Stadt von der kulinarischen Dichte Istanbuls fast überall besser: etwa in den kleinen urigen Lokalen, die Trendnasen heute verstärkt auf die asiatische Bosporus-Seite locken, wo sie die kleine Bucht von Kanlica suchen - und dort das für Chicken Dessert (!) gelobte Molen-Restaurant Köfez finden.

Annäherungsversuche

Den Ausflug zum Mädchenturm zeichnet indessen anderes aus: erstens die Ruhe, mit der man hier den transkontinentalen Blick schweifen lassen kann. Und zweitens die Annäherung an Istanbul vom Wasser aus, deren Reize man freilich auch an Bord eines Kreuzfahrtschiffes der Reihe nach abhaken kann: zuerst die Bosporus-Einfahrt, dann den Galataturm, den die Genuesen als christliche Enklave bauen durften, und schließlich, immer weiter die Stadt durchgleitend, das restliche Panorama entlang. Beyoglus mal betongraue, dann wieder rasengrüne Ufer, dahinter schließlich die Silhouetten der Moscheen und Minarette - Collagen allesamt, die sich selbstständig zum klassischen Istanbul-Bild verdichten. Darüber soll hier nicht weiter berichtet werden. Bloß so viel: Die gesamte Altstadt von Istanbul gehört seit 1985 zum Unesco-Weltkulturerbe, wie es sich für in die Jahre gekommene Weltmetropolen ja auch gehört.

Umso spannender fällt indessen die Wasser-Perspektive aus. Dass es sich um den eigentlichen Fokus der Stadt handelt, lässt sich sogar vom Zugfenster aus erahnen - egal ob man beim finalen Einrollen in die grandiose Sirkeci-Station gerade im Plüsch des Orient-Express versinkt oder im Abteil eines normalen Vororte-Pendlers sitzt. Und dann fühlt man sich plötzlich geprellt. An den filigranen Details des bereits 1888 von deutschen Ingenieuren auf orientalisch getrimmten Bahnhofs liegt es nicht, aber am Prinzip Endstation. Dass Europa mit einem Kopfbahnhof endet, mag man nicht hinnehmen. Istanbul tut das auch nicht. So soll ein 2004 begonnener Bosporus- Tunnel in Zukunft dafür sorgen, dass die Nahtstelle zwischen Europa und Asien hier zusammengeht.

Bewährtes Mittel um die Stadt aus neuem Blickwinkel zu entdecken, bleiben die Wege übers Wasser aber allemal. Längst gelten die luxuriösen hölzernen Sommervillen und die alten Holzhäuser an der Wasserfront der verschwundenen Dörfer Ortaköy und Bebek als neueste Mode am Istanbuler Immobilienmarkt, von den feinen Palästen gar nicht zu reden.

Nadelstreif und -öhr

Wer etwa im Stadtteil Besiktas im Ciragan Palace absteigt - einem zum exklusivsten Istanbuler Hotel umgebauten Sultanspalast -, genießt neben dem Privileg, nah am Wasser zu wohnen, auch den Blick auf eines der spannendsten Nadelöhre der Seefahrt. Jährlich 50.000 Tanker, Containerschiffe, Hochseefischer ziehen durch den von tückischen Strömungen heimgesuchten Bosporus - den lokalen Pendlerverkehr und die Fischer, die hier zur guten Jahreszeit bloß die Netze aufhalten müssen, nicht mitgerechnet.

So zählen die Billig-Cruises auf den Pendler-Fähren zwischen Europa und Asien denn auch zu den interessantesten Sightseeing-Trips der Stadt. Zwei Kontinente in zwanzig Minuten, eine Okkasion für praktisch jeden, das bunte Treiben an den Anlegestellen ist im Preis inkludiert. Beispiel Eminönü, jene Fährstelle, von der auch die kleinen Holzboote ablegen, die Istanbuls Fast-Promenade am Rande der Altstadt mit Besiktas Karakoy-Fährhafen verbinden, quer über die Mündung des Goldenen Horns hinweg. Frisch gebratene Makrelen und flatternde Möwen sind Teil des Trips, und natürlich die parallel verlaufende Galata- Brücke, jener eigentliche Hauptnerv der Stadt. Die Cafés und kleinen Fischrestaurants, die sich unter der Fahrbahn fast auf Wasserniveau reihen, zählen zum Pflichtstopp - auch wenn viele Istanbuler eher über die alte Pontonbrücke trauern, in deren Kneipen türkische Studenten den Fischern einst die sozialistische Revolution erklärten. Grobe Skizzen zum Thema Galatabrücke reichten übrigens bereits Leonardo da Vinci und Michelangelo ein. Der Sultan entschied sich 1503 für Michelangelo, aber der Preis dafür war zu hoch. Zumindest für den Ausschreibungssieger. Michelangelo drohte für den Fall des Brückenbaus nämlich die Exkommunikation. (Robert Haidinger/Der Standard/Printausgabe/ 28./29.10.2006)

  • Hagia Sofia in Istanbul.
    foto: türkische botschaft

    Hagia Sofia in Istanbul.

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