"Hinrichtungen" mit Skeletten

28. Oktober 2006, 13:56
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Skandal um deutsche Soldaten in Afghanistan - Weitere Fotos zeigen Totenschädel mit aufgesetztem Barett - Verteidigungsminister Jung suspendiert zwei Soldaten

In Deutschland sind weitere Fotos von Totenschändungen aufgetaucht. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat zwei Soldaten suspendiert, gerät aber auch wegen des Libanon-Einsatzes unter Druck.

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Die fünf zunächst am Mittwoch von Bild publizierten Fotos aus dem Jahr 2003 waren der Anfang. Mittlerweile sind aber noch mehr Abscheulichkeiten aufgetaucht, da der Fernsehsender RTL am Donnerstagabend neue Bilder zeigte. Die Motive aus dem Jahr 2004: Ein deutscher Isaf-Soldat posiert in Afghanistan mit einem Totenschädel auf dem Arm, und auf einem Bundeswehr-Fahrzeug sind Totenköpfe gestapelt.

Am Freitag kündigte der Springer-Verlag an, Bild-Leser auch am Samstag mit makaberen Fotos versorgen zu wollen. Nach eigenen Angaben besitzt das Boulevard-Blatt dutzende weitere Fotos aus Afghanistan. Auf einem sei ein Soldat zu sehen, der einem aus verschiedenen menschlichen Knochen zusammengesetzten Skelett "in der Art einer Hinrichtungsszene eine Pistole an den Totenschädel hält". Außerdem gebe es Bilder von einem Totenschädel mit aufgesetztem Bundeswehr-Barett.

Auch ein (anonymer) Augenzeuge hat nun ausgepackt und schildert die Vorgänge in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der 2003 von Soldaten geschändete Schädel stamme nicht von einem Friedhof, sondern aus einer großen Lehm- und Sandgrube, wo während Kriegszeiten vermutlich "Unmengen an Leichen" abgelagert wurden. Bei den wöchentlichen Fahrten zur Grube hätten auch manche Männer aus den Knochen die Buchstaben ihrer Namen zusammengesetzt.

"Weichei"

Die Stimmung der Soldaten beschreibt er so: "Die fanden das ganz lustig", später habe der Vorfall "unter den niedrigen Dienstgraden" dann "die Runde gemacht". Zwar habe es keinen Gruppenzwang zur Schändung gegeben, aber wer sich drückte, habe als "Weichei" gegolten. Auf die Frage, warum die Soldaten dies taten, antwortet er: "Es war sehr angespannt. Wir waren nervös. Es gab mehrmals Unglücke und Anschläge."

Verteidigungsminister Jung hat erste Konsequenzen gezogen: Zwei Soldaten, die auf den Fotos 2003 zu sehen sind, wurden suspendiert. Im Zusammenhang mit den Bildern 2004 wird gegen drei Tatverdächtige ermittelt.Bei den Verdächtigen handle es sich mittlerweile um einen "Kreis von exakt zehn Personen", heißt es im Ministerium. Der sei nicht repräsentativ für die anderen Soldaten von Auslandseinsätzen. Er hoffe, dass die Deutschen in Afghanistan nun "nicht in Gefahr für Leib und Leben geraten." Den Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, hat Jung beauftragt, die Ausbildung zu überprüfen.

Vertrauen "erschlichen"

Jung musste sich am Freitag auch vor dem Verteidigungsausschuss des Bundestages rechtfertigen. Die FDP wirft ihm vor, der Einsatz der Marine vor der Küste des Libanons sei durch das Mandat des Bundestages nicht gedeckt, weil die Deutschen sich innerhalb der Sechs-Meilen-Zone gar nicht frei bewegen könnten. Jung habe sich das Vertrauen "erschlichen". Der Verteidigungsminister räumte ein, dass die Bewegungsfreiheit eingeschränkt sei. Deutsche Schiffe könnten nur in die Sechs-Meilen-Zone, wenn sie ein anderes Schiff verfolgen oder ein anerkannter Verdacht des Waffenschmuggels für die Hisbollah bestehe. Dennoch betrachtet er die Marine als handlungsfähig. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe 28./29.10.2006)

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    Viele Fragen: Jung will wissen, was seine Soldaten in Afghanistan treiben, die FDP, ob die Marine vor der libanesischen Küste agieren kann, wie im Bundestagsmandat festgelegt.

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