Gegen "einsame" Erfolge

29. Oktober 2006, 17:00
5 Postings

Bei der Siemens Academy of Life sprach Richard Dreyfuss darüber, was man heute über "erfolgreiches Leben" lernt, auch wenn es vielleicht ein falsches ist

Wien – "Es ist schon merkwürdig: Wenn ein Schuster oder ein Uhrmacher in Pension geht oder sich sonstwie aus seiner Profession verabschiedet, dann erhält er zum Abschied vielleicht eine goldene Uhr und schöne Wünsche für den weiteren Lebensweg. Man nimmt seine Entscheidung ernst. Wenn aber ein berühmter Filmstar sagt: ,So, Leute, ich ziehe mich zurück‘ – dann zieht immer irgendwer die _Augenbrauen hoch und meint: ,Das kann’s doch nicht gewesen sein. Der hat doch sicher Hintergedanken?!"

Richard Dreyfuss spricht aus Erfahrung. Und er spricht gerne über seine Erfahrung – "gesetzt den Fall, dass man mir nicht immer nur Fragen stellt, auf die der Interviewer, wenn er halbwegs recherchiert hat, die Antworten längst kennen müsste. Und ich gestehe: Ich bin leidenschaftlich an mir selbst interessiert: Um mehr über mich selbst zu erfahren, und dazu brauche ich Gegenüber, die mich überraschen. Aber ist das nicht auch ein Ziel unserer Veranstaltung?"

"Unsere Veranstaltung" – das war letzte Woche eine zweitägige Veranstaltung der Siemens Academy of Life, bei der Dreyfuss Jungunternehmern und Managern Rede und Antwort stand: Einmal mehr ging es um Leben und Erfahrungen mit Erfolg und Misserfolg. Um die (auf den ersten Blick vielleicht noch nicht zwingend originelle) Frage: "Was wäre das, eine erfolgreiche Lebensführung?"

Richard Dreyfuss’ Ausführungen zufolge dürfte einer seiner größten Erfolge der gewesen sein, sein Handwerk aufgegeben zu haben: Entgegen allen hochgezogenen Augenbrauen in Hollywood, wo er nach Auftritten in frühen Meisterwerken von George Lucas (American Grafitti) und Steven Spielberg (Der weiße Hai, Unheimliche Begegnung der dritten Art) jahrzehntelang zu den Superstars zählte.

Mehr noch: zu jener handverlesen Riege von Charakterdarstellern, die selbst in Mainstream-Produktionen oscarreife Darstellungen liefern. 1977 erhielt Dreyfuss den _Academy Award (als damals jüngster geehrter Akteur in der Geschichte des Oscar) für die Hauptrolle in Herbert Ross’ Komödie The Goodbye Girl (Der Untermieter). Es folgten weitere Hits wie Nuts, Stand by me, Tin Men, Was ist mit Bob? oder Mr. Holland’s Opus – dennoch schien sich immer bedrängender die Frage zu stellen: Was ist das – Erfolg? Oder: War’s das jetzt schon wieder?

"Einsamer Job"

"Egal, wie viele Leute nachher den Film sehen, an dem man da mitgearbeitet hat: Schauspiel ist im Prinzip ein sehr einsamer Job in einem extrem arbeitsteiligen Medium. Zuerst vergräbt man sich in sich selbst, und nachher spielt man maximal für den Regisseur und den Kameramann, eigentlich ins Leere", so Dreyfuss. Auch in früheren Interviews betonte er immer wieder, dass er seit Langem den Wunsch hegte, wieder "dialogischer" arbeiten zu können, etwa als Lehrer seine Erfahrungen mit Studenten zu teilen, anstatt am Ende mit Produkten und Produktionen identifiziert zu werden, die längst schon wieder fremd, entfremdet waren. Was können Wirtschaftstreibende aus solchen Erfahrungen lernen? "Ich denke, zuerst einmal, dass wir aus jeder Form authentisch vermittelter Erfahrung lernen können. Das ist ja gerade das, was mir heute das Leben und Arbeiten wieder so wertvoll macht."

Heute arbeitet Richard Dreyfuss an audiovisuellen Lehrprogrammen für Geschichte und Schauspielkunst. Er reist zu Tagungen und Symposien, weniger als "Experte" denn als jemand, der "Experten" kennen lernen und von ihnen lernen will. "Vor ein paar Wochen besuchte ich einen Kongress zum Thema Internet: Es ist schon irre, wenn man plötzlich zwischen dem Erfinder des Desktops und dem Mann sitzt, der die ,Maus‘ entwickelt hat."

Denkwürdige Erfahrungen

Solche Begegnungen führen dann mitunter aber auch zu denkwürdigen Erfahrungen mit einem Mangel an Weitsicht: "Kürzlich, bei einem Meeting von Historikern, fragte ich in die Runde hinein, warum wir eigentlich alle so fokussiert sind auf Vergangenheit – und die Zukunft so wenig beachten. Die Geschichtsprofessoren waren nämlich gegen die ihrer Meinung nach viel zu hohen Budgets der US-Weltraumbehörde. Ich sagte: ,Wenn sich diese Investitionen aber in zweihundert Jahren rechnen?‘ Kein Interesse. ,In hundert Jahren?‘ Kein Interesse. ,Für eure Enkelkinder?‘ Erst da gab’s ein erstes Einlenken: Das sei was anderes."

Nicht selten macht offenbar Not erst erfinderisch. Wenn man Richard Dreyfuss Glauben schenken darf, dann war zum Beispiel Spielbergs Weißer Hai, der erste Kino-Blockbuster, nichts anderes als die glückliche Verwertung eines kreativen Umgangs mit einer drohenden Niederlage: "Was zu Beginn der Dreharbeiten alle unterschätzt hatten: Erstens waren wir die erste Filmproduktion, die sich wortwörtlich aufs offene Meer hinauswagte. Vorher und nachher drehte und dreht man derartige Abenteuer bevorzugt in großen Wasserbassins, um die Unwägbarkeiten von Wetter, Licht, Wellengang zu umgehen: Allein ein einziges Segelboot, das sich langsam über den Horizont bewegt, kann einen Drehtag kosten. Zweitens: Der elektronische Hai, den man für teures Geld konstruiert hatte – er funktionierte am Set überhaupt nicht."

Am Ende, so Dreyfuss, waren es gerade die Echtheit der Szenen und die Tatsache, dass man das Monster kaum je sah, die den Film erfolgreich machte. „Täglich hat man Spielberg am Set damit bedroht, dass er gefeuert wird. Aber er hat nicht aufgegeben und aus einem guten Script unter schlechten Bedingungen einen noch besseren Film gemacht.“ Jetzt ist das Siemens Forum wohl an Spielberg als nächstem Gast interessiert ... (Claus Philipp, Der Standard, Printausgabe 28./29.10.2006)

  • Artikelbild
    foto: siemens/martin stickler
Share if you care.