Auch Kleinbetriebe sichern sich ab

20. Oktober 2006, 01:00
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Christian Tunkl, Treasury-Leiter der RLB NÖ-Wien, erklärt im derStandard.at-Interview, wie KMU mit spezifischen Risiken umgehen

In großen Kapitalgesellschaften ist Treasury Management seit längerer Zeit ein Thema, dem sich oft eigene Stabsabteilungen widmen. Treasury dringt aber auch immer mehr in Klein- und Mittelbetriebe ein, wie mehrere heimische Banker derStandard.at bestätigten. Zwar handelt es sich hier weniger um Cash Management im engeren Sinn - also um die gezielte Steuerung von Zahlungsflüssen. Gerade bei der der Kurs- und Zinsabsicherung und - seit dem Höhenflug der Energiepreise - im Bereich der Einschränkung von Energie- und Rohstoffrisiken tut sich aber in kleineren Unternehmen Einiges.

Christian Tunkl, Leiter der Abteilung für Treasury Consulting bei der Raiffeisen Landesbank Niederösterreich-Wien (RLB), erklärt im Gespräch mit Maria Sterkl, welche Bedürfnisse Klein- und Mittelbetriebe beim Treasury äußern.

derStandard.at: Welchen Anteil machen KMU an Ihren Treasury-Geschäften aus?

Tunkl: Es ist ein beträchtlicher Anteil, der permanent wächst. KMU haben mittlerweile erkannt, wie wichtig es ist, Kurs- und Zinsrisken abzusichern.

derStandard.at: Seit wann ist Treasury denn ein Thema für KMU?

Tunkl: Seit ungefähr fünf Jahren scheint es stärker thematisiert zu sein als vorher.

derStandard.at: Welche Treasury-Produkte werden von KMU am häufigsten nachgefragt?

Tunkl: Kurs- und Zinsderivate – wobei das Wort Derivate in letzter Zeit durch bekannte Bankenkrisen einen negativen Anstrich bekommen hat. Zinsderivate können auch risikoreich sein. Wenn sie aber zu einer hundertprozentigen Absicherung verwendet werden, dann sind sie das nicht.

derStandard.at: Welche Möglichkeiten hat ein KMU, um sich gegen Zinsrisiken abzusichern?

Tunkl: Dafür kann man ein Zinscap oder einen Interest Rate Swap heranziehen. Diese Instrumente sichern Kredite zu hundert Prozent ab, lassen dem Kunden aber wesentlich mehr Bewegungsfreiheit als fix verzinste Kredite.

derStandard.at: Bei welchen Geschäften werden diese Zinsabsicherungen üblicherweise eingesetzt?

Tunkl: Im Moment ist dies der Fall, wenn ein zu stark ansteigender Zinsaufwand abgefangen werden soll.

derStandard.at: Also beispielsweise für längerfristige Projekte?

Tunkl: Für reine Projekte kommt ein derartiges Instrument nicht in Frage – hier wäre das Risiko zu groß. Es muss schon ein fixes Grundgeschäft da sein, um eine Zinsabsicherung abzuschließen. Beispiel: Ein Unternehmen hat variabel verzinste Kredite und befürchtet wie es momentan angenommen wird, ansteigende Zinsen. Um genau diesen Zinsanstieg abzufangen, dafür sind Zinscaps oder Swaps geeignet. Wäre ein Projekt die Grundlage und dieses Projekt platzt, gäbe es kein Grundgeschäft und es bestünde eine offene derivate Position.

derStandard.at: Bemerken Sie eine steigende Nachfrage bei diesen Produkten seit den letzten Zinsschritten der EZB?

Tunkl: Ja, ganz genau.

derStandard.at: Wo ist die Nachfrage größer – bei Kursderivaten oder bei Zinsabsicherungen?

Tunkl: Im Moment sind die Zinsrisken wieder aktueller. Das hat mit der ersten Zinserhöhung begonnen, und die Nachfrage ist seither stetig gestiegen.

derStandard.at: Wodurch unterscheiden sich die Treasury-Bedürfnisse der KMU von jenen der Großunternehmen?

Tunkl: Erstens in der Größenordnung. KMU lassen Kredite von circa 350.000 Euro absichern – das sind Summen, die größere Unternehmen gar nicht erst streifen. Aber für Kleinunternehmen sind das natürlich beachtliche Dimensionen.

derStandard.at: Wo liegt die Untergrenze?

Tunkl: Bei uns wird ab einer Kreditsumme von 200.000 Euro abgesichert.

derStandard.at: Gibt es auch qualitative Nachfrageunterschiede zwischen KMU und Großunternehmen?

Tunkl: Sagen wir so: Je größer das Unternehmen, desto komplizierter werden die Produkte. Größere Firmen setzen sich einfach viel mehr mit dem Thema auseinander und verlangen dann Produkte, die ganz genau auf sie zugeschnitten sind. Das geht dann schon in den Bereich strukturierte Zinsbewirtschaftung.

derStandard.at: Wer kümmert sich in KMU um Treasury?

Tunkl: In sieben von zehn Fällen ist es der Geschäftsführer selbst, der sagt: "Ich will mein Unternehmen vor ausufernden Zinsrisiken schützen".

derStandard.at: Welches Produkt würden Sie einem kleinen österreichischen Softwareunternehmen empfehlen, das einen Vertrag für ein mehrmonatiges Entwicklungsprojekt in Rumänien abgeschlossen hat?

Tunkl: Hier handelt es sich um Kursrisiken in der Landeswährung, die man mittels Termingeschäften oder Währungsoptionen absichern kann.

derStandard.at: Wie hoch ist die Prämie, die das Unternehmen für solche Geschäfte vorab einkalkulieren muss?

Tunkl: Das hängt von mehreren Parametern ab – etwa davon, bei welchem Kursniveau man sich absichern will, wie lange die Laufzeit und wie hoch der Betrag ist.

derStandard.at: Aber grundsätzlich lässt sich sagen: Je sicherer man gehen will, desto höher die Prämie?

Tunkl: Genau.

derStandard.at: Wie viel muss ein Kleinunternehmen für eine umfassende Treasury-Beratung ausgeben?

Tunkl: Wenn ein KMU Treasury-Beratung braucht, dann wird einer unserer Spezialisten abgestellt um dies durchzuführen - das erfolgt kostenfrei. Es wird dann gemeinsam ein Lösungsansatz erarbeitet.

  • Christian Tunkl, Leiter der Abteilung Treasury Consulting in der RLB Niederösterreich-Wien
    foto: rlb

    Christian Tunkl, Leiter der Abteilung Treasury Consulting in der RLB Niederösterreich-Wien

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