Traugott Buhre über Turgenjews "Erste Liebe"

26. Oktober 2006, 21:40
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"Das ist es", sagt man sich dann, und gemeint ist damit nicht nur eine russische Novelle aus dem Jahr 1860

Das erste Mal bin ich Turgenjew in den frühen fünfziger Jahren begegnet, während des Studiums in Hannover, als ich in einer gewaltigen Anstrengung die Bildung nachholen wollte, die mir durch Krieg und Flucht verloren gegangen war. Damals las ich alles, was ich an russischer Literatur erreichen konnte, aber eben vor allem Turgenjew, "Väter und Söhne", die " Aufzeichnungen eines Jägers", die Novellen. Ich komme aus dem Osten, aus Ostpreußen, die russische Literatur war für mich immer ein Faszinosum, und ich liebe nicht nur diese Geschichten, sondern in ihnen ein äußerstes Maß an psychologischer Verfeinerung, an Genauigkeit, an Menschenkenntnis und Einfühlung.

Als ich gebeten wurde, Turgenjews Novelle "Erste Liebe" zu sprechen, las ich gerade Sándor Márais Roman "Die Glut", eine Geschichte von zwei alten Männern, die sich an eine für alle Beteiligten tragische Liebe erinnern. Und siehe da, eine Überraschung: "Erste Liebe" beginnt mit einer ähnlichen Situation, mit einem Gespräch zweier Herren, von denen sich der eine an seine große Liebe erinnert. Unglaublich ist es, wie Turgenjew diese Figuren gestaltet, eine jede ganz für sich, eine jede so, dass man sie versteht, dass man sich in sie hineinversetzen kann ohne je die Konzentration zu verlieren. Es war nicht einfach, die Novelle zu lesen, eben wegen dieser so erstaunlich fein und tief gestalteten Übergänge. Turgenjew hat diese Geschichte als feinmaschiges Netz angelegt, und wenn man sie vorträgt, muss man dieses Netz mit seiner Stimme für den Leser nachspinnen, mit allen Fäden und Knoten.

Wenn es dann gelingt, ist es schier überwältigend, und staunend steht man vor der Fähigkeit Turgenjews, das Kleine so anzulegen, dass das Große darin immer aufgehoben bleibt, ein einzelnes Schicksal so zu entfalten, dass man alles über die Liebe darin zu erfahren meint, über eine Gesellschaft, über einen Weltzustand. "Das ist es", sagt man sich dann, und gemeint ist damit nicht nur eine russische Novelle aus dem Jahr 1860, sondern auch die Welt von heute. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2006)

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    Traugott Buhre

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