Jean-Christophe Grangé: "Die purpurnen Flüsse"

26. Oktober 2006, 21:31
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Menschen sind Materie, der frustrierte Kommissar Niémans hat manchmal Probleme, mehr in ihnen zu erkennen

Eine Legende der französischen Polizei ist Niémans, aber die Philanthropie ist ihm irgendwo unterwegs abhanden gekommen. So beginnt Grangés Roman "Die purpurnen Flüsse": Niémans ist seinem Schreibtischjob entkommen für einen Einsatz bei einem Fußballspiel, beobachtet einen rasenden Hooligan, wie er einen Mann umbringt, der für den falschen Verein gewesen ist. Und Niémans geht auf ihn los, mit roher Gewalt, befördert ihn ins Koma mit Faustschlägen ins Gesicht. Der Versuch, das Geschehene hinterher wegzulügen, fällt ihm nicht einmal besonders schwer. Er war schließlich ein Mörder, rechtfertigt er sich später ruhig. Und du, fragt ihn sein Chef, bist du besser?

Aber erst einmal muss Niémans raus aus Paris, in die kleine Universitätsstadt Guernon. Auf seiner Suche nach Menschlichkeit wird Niémans auch in der Provinz nicht fündig, er findet nichts als eine Träne auf dem Gesicht eines Toten. "Die purpurnen Flüsse" ist 1997 erschienen; das Buch ist ein finsterer, brutaler Thriller. "Die Schultern waren nach vorn gewölbt, und seine Arme lagen zwischen den angewinkelten Knien, die geballten Fäuste ans Kinn gedrückt." Niémans wird ein bizarrer Mord präsentiert, dessen Opfer der grausam zu Tode gefolterte Bibliothekar der Universität ist, der eingeklemmt in einer Felsspalte gefunden wurde. Ein junger Polizist, Karim Abdouf, untersucht unterdessen 300 Kilometer entfernt die Schändung eines Grabes, in dem ein Kind begraben sein soll, von dessen Existenz er keine Spur entdecken kann. Zwei Geschichten, die sich über die Hälfte des Romans sehr langsam aufeinander zu bewegen. Karim und Niémans Wege kreuzen sich endlich doch, die Fälle gehören zueinander, und immer wieder begegnen die beiden bei ihren Recherchen Fanny, einer Frau, bei der man nie so richtig weiß, ob sie cool ist oder wirklich richtig kalt. Die Ermittlungen führen in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart, scheinbar harmlose Vorfälle - warum bricht jemand ein, um alte Klassenfotos zu stehlen? - vermengen sich mit schrecklichen Vorzeichen, die beiden stecken mitten in einer Mordserie. Niémans und Karim kommen einer Verschwörung faschistoider Genmanipulateure auf die Spur - Intelligenz, findet man in Guernon, ist eine Frage der Züchtung.

Als Grangés Roman veröffentlicht wurde, waren die Filmrechte schnell verkauft, man begann mit der Vorbereitung des Films, als das Buch gerade erst im Handel war - auf Grangés DNA-Alpträume hatte das Kino geradezu gewartet. Der Mensch als genetisch bestimmte Materie, in der keine Seele mehr haust... Der Regisseur Mathieu Kassovitz hat, als er "Die purpurnen Flüsse" verfilmte, den verkrümmten Leichnam als Ausgangspunkt genommen, die Kamera fährt ganz an der malträtieren Haut entlang, und erst nach und nach erkennt man in den Bildern die Überreste eines Menschen. Eine grandiose Sequenz, aber dem Polizistenduo haben Kassovitz und Grangé, der selbst das Drehbuch geschrieben hat, doch viel von ihrem komplizierten Reiz genommen Doch hätte die Suche nach der unmanipulierbaren Seele gut gepasst (Susan Vahabzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2006)

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