Junge Protestanten: Zweifeln ist erlaubt

23. Jänner 2007, 17:24
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Bei der evangelischen Jugendarbeit in Wien-Liesing werden Werte und Religion mit Spaß vermittelt

Die Jugendlichen haben einen Schmäh, sind kritisch - und lassen auch Kritik zu.

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Wien - Im Keller des evangelischen Gemeindezentrums in in der Dr.-Andreas-Zailer-Gasse 10 in Liesing sitzt auf bunten Couchen und Stühlen eine eingeschworene Truppe. Die neun Jugendlichen und ihre Jugendreferentin Michaela "Michi" Schrödl kennen einander schon seit mehr als fünf Jahren.

Am Anfang stand der "Konfi-Kurs", der Vorbereitungskurs auf die Konfirmation. Schrödel bekommt von den Jugendlichen gelegentlich verbal eins auf den Deckel, weil sie "Konfi-Unterricht" sagt, und ein Unterricht ist es nun wirklich nicht, beteuern die Ex-Konfis. Doch ansonsten ist der Umgang der zehn miteinander unübersehbar freundschaftlich und liebevoll, und Zusammenhalt und Gemeinschaft sind auch die Worte, die im Gespräch immer wieder fallen.

Was ihnen mit ihrem Schmäh ("Ein Stück Roulade, aber ohne Finger, bitte!") noch gemeinsam ist, ist der Glaube. In ihrem Jugendraum treffen einander die 14- bis 20-Jährigen - Michi ist etwas älter - jeden Mittwoch, außer in den Schulferien, zu Gesprächen und Spielen. Sie organisieren Partys, arbeiten an Ideen für Feiern in der Kirche und bereiten die Konfi-Stunden vor.

Die "Konfi-Helfer"

Vor einigen Jahren habe man das Konfi-Helfer-System eingeführt, erzählt der 18-jährige Thomas Imre. Den Kurs halten nach wie vor die Pfarrer und die Lektoren ab, aber die Vorbereitung auf die Konfirmation soll auch Spaß machen. Im Zweijahresrhythmus kann man vom Helfer zum Profi "aufsteigen". "Sie vermitteln Werte und Religion mit Spaß", schaltet sich Schrödl ein. "Bei Jugendlichen verhält man sich anders und traut sich auch, Fragen zu stellen, meint Sabrina Beck.

Heuer werden es 49 Konfirmanten sein, die sich den Aufgaben ihrer jugendlichen Betreuer stellen. Unter anderem sollen sie auch Bilder von Gott, wie sie ihn sich vorstellen, gestalten. Vergangenes Jahr habe ein kritischer Konfi angemerkt, dass es ja heiße, man dürfe sich kein Bild von Gott machen, erzählt Imre. "Gott ist variabel", erklärt er seine Sicht, und deswegen habe man das Projekt gemacht. Die Gottesbilder wurden auf ein Plakat geklebt, doch ein Platz blieb frei, denn: "Gott hat kein fixes Bild." Es sollte ein Momenteindruck jedes Einzelnen eingefangen werden, der sich auch ändern könne.

Thomas Imre lebt seine Religiosität auch selbstbewusst. Dass offen zugegebener Glaube mitunter quere Reaktionen auslöst, ist ihm, der von einigen Mitschülern als "Kerzenschlecker" bezeichnet wurde, egal. Die Jugendlichen und auch Michi Schrödl sind sich einig: In der Gruppe macht Religion mehr Spaß. "Natürlich kann jeder sagen, ich kann auch für mich glauben und brauche deswegen nicht in die Kirche zu gehen, aber ich genieße es, den Glauben in der Gemeinschaft zu spüren", schwärmt sie.

Keine "heile Welt"

Was nicht bedeute, dass bei den Treffen "immer heile Welt" herrsche, doch Differenzen würden geklärt. "Wenn ich traurig bin, und die Sabrina legt ihren Arm um mich: das ist für mich Religion." Beck, die kurz zuvor die Aktion "Church-Mania", welche die Truppe im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" veranstaltete, erklärte, ist gerührt. "Keiner muss sich verstellen, und jeder, der neu dazukommt, kann sein, wie er will", bemerkt sie.

Die Jugendlichen der Liesinger Pfarre, die von den Pfarrern Gabriele Lang-Czadik und Andreas Fasching betreut wird, sind kritisch und lassen Kritik zu. Auf die Frage, was sie denn davon hielten, dass sich Menschen eine eigene "Patchwork-Religion" zusammenbasteln, sagt Anna Weiß: "Es ist vielleicht die Angst, sich mit etwas oder sich selbst auseinanderzusetzen, und heutzutage setzt man sich zu wenig mit etwas auseinander. Aber Zweifeln ist erlaubt".

Woran die zehn nicht zweifeln, ist dass sie weiterhin Feste feiern werden, auch wenn so mancher in der Lutherischen Gemeinde (Augsburger Bekenntnis, A. B.) die Nase über die Halloween-Party, die sie vergangenes Jahr am 31. Oktober, dem Reformationstag veranstalteten, gerümpft hat. Ihre anderen Ideen sind bei den Pfarrern aber willkommen. (Marijana Miljkovic, DER STANDARD - Printausgabe, 27. Oktober 2006)

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Wissen: Evangelische Jugend

Lesen Sie am 2. November: Die jüdische Jugendarbeit
  • Die eingeschworene Jugendtruppe in der Liesinger Gemeinde ist aus dem "Konfi-Unterricht" entstanden. Sie organisieren auch Partys und bereiten Kirchen-Feiern vor.
    foto: standard/christian fischer

    Die eingeschworene Jugendtruppe in der Liesinger Gemeinde ist aus dem "Konfi-Unterricht" entstanden. Sie organisieren auch Partys und bereiten Kirchen-Feiern vor.

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