Ein Schwarzer stirbt - die Oper lebt: "Otello" an der Staatsoper

26. Oktober 2006, 18:42
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Das Publikum bejubelte Darsteller wie Dirigenten und bedachte die Regie mit Buhrufen

Die neue Staatsopernproduktion von Giuseppe Verdis "Otello" wurde vor allem für Krassimira Stoyanova als Desdemona, Falk Struckmann als Jago und den Dirigenten Daniel Gatti zum überwältigenden Publikumserfolg. Regisseurin Christine Mielitz erntete Buhrufe.


Wien - Einen neuen Otello hört und sieht man nicht alle Tage. Auch nicht in Wien.

Was Wunder, wenn da sogar der Herr Bundeskanzler und sein rotes Gegenüber einen Abend lang das mühselige Verhandeln sein ließen und sich beide in die wegen eines Verkehrsinfarkts so gut wie gänzlich abgeblockte Staatsoper durchkämpften.

Dass in Verdis vorletztem Bühnenwerk ein Schwarzer schon nach knappen drei Stunden auf der Strecke bleibt, mag der eine nicht als böses Omen und der andere auch nicht gar als ermutigendes Signal missdeuten.

Wohl aber werden beide in der sich aufdrängenden Feststellung übereinstimmen, dass es in der Staatsoper viel niveauvoller zugeht als bei ihrem Kompetenzgerangel.

So niveauvoll wie eigentlich schon lange nicht mehr. Und dies vor allem im Orchestergraben. Dort hatte nämlich im Unterschied zu so mancher bedrückenden Wiederaufnahme eine Riege kompetenter Könner Platz genommen.

Ihr Stärke liegt in der enormen Fähigkeit, sich den stilistischen Anforderungen eines Werkes auf dermaßen perfekte Weise anzupassen, dass man meinen könnte, sie hätten nie etwas anderes gespielt als Giuseppe Verdis Otello.

Pulthypnose

Für derlei tranceartige Metamorphosen bedarf es freilich eines Pulthypnotiseurs, der solche auszulösen versteht. Und in Daniele Gatti, der schon als Dirigent der Premieren von Schönbergs Moses und Aron und Verdis Simon Boccanegra besten Eindruck hinterließ, ist ein solcher gefunden.

Mutierte er diesmal doch selbst zum Medium. In einem mentalen Zwischenreich aus profundem Wissen und sensibler Ahnung fungierte er wie ein hochvoltiger Akku, der diese Produktion unablässig mit Energie speiste.

Gatti, der eigentlich so unauffällig aussieht wie der Mann von nebenan, hat die diffizile Otello-Partitur nicht vor sich auf dem Pult, sondern in seinem Kopf, mehr noch in seinem Sonnengeflecht. Er dirigiert auswendig.

In ihm konstituiert sich Verdis Kosmos immer aufs Neue, und er versteht es, diesen - obendrein noch mit geradezu akribischer Präzision - zum Klingen zu bringen. Ohne Anmaßung dürfte der Staatsoperndirektor sagen: Ein besseres orchestrales Fundament wird für einen Otello gegenwärtig weltweit kaum zu finden sein.

Weltrang verpflichtet

Ein solcher Weltrang setzt natürlich auch für den Rest der Produktion Maßstäbe, denen auf der Bühne allerdings einzig Krassimira Stoyanovas Desdemona voll entsprechen konnte.

Mit ihrem in allen Ton- und Emotionslagen in gleicher Weise in facettenreicher Lyrik blühenden Sopran legte sie die berührende Klangspur ihres schmerzlichen Schicksalswegs von hingebungsvoller Zerbrechlichkeit zu verzweifelter Zerbrochenheit.

Einen sehr wesentlichen Beitrag zu solcher Faszination leistete die dezente und gleichzeitig sinnfällige Behutsamkeit, mit der Regisseurin Christine Mielitz die Aktionen der beiden Hauptdarsteller gestaltete.

Mit Johan Botha in der Titelpartie überdies so etwas wie eine Mission impossible. Denn was hilft schon alle szenografische Delikatesse: Wenn sich dieser Koloss neben oder gar über seine grazile Partnerin lagert, muss man sich das Lachen verbeißen.

Da nützt es nicht, dass Botha die Töne, wenn auch mit wenig Dramatik (und manchmal auch nicht ganz die richtigen), gut und schön anhörbar über die Rampe bringt.

Da war mit Falk Struckmann als Jago schon ein anderes Kaliber zur Stelle. Auch wenn sein Jago trotz aller stimmlicher Bravour die Schmiegsamkeit, die Italianitá des Bösen vermissen ließ und auratisch ein Mix aus Hagen und Alberich blieb.

Der Rest der Verdi-Mannschaft, Nadia Krastevas Emilia, Marian Talabas Cassio, Cosmin Ifrims Roderigo und Ain Angers Lodovico, hielt stimmlich das Niveau, war aber in dem von Christian Floeren als Ausstatter präferierten, nur von wenig hellen Momenten durchsetzten Halbdunkel kaum sichtbar.

Kein großer Fehler, denn angezogen waren sie mitsamt dem von Ernst Dunshirn perfekt studierten Chor ja wirklich ziemlich schäbig und für die auf Zypern üblichen klimatischen Bedingungen überdies viel zu warm. Ansonsten wird dieser Otello zweifellos zu den am gefahrlosesten anschaubaren Neuproduktionen der vergangenen Jahre zu zählen sein.

Christine Mielitz lässt die Handlung immer wieder zu signifikanten lebenden Bildern erstarren, die sie auf einem viereckigen Podest positioniert, das wohl nur von Ferne an einen Boxring erinnert. In diese skulpturalen Stationen einer Opernpassion ist zeitweise auch der Chor integriert. Die eindrucksvollsten Augenblicke erzielt er jedoch dann, wenn seine Aktionen wie Chladni'sche Figuren parallel zur Musik verlaufen.

Denn die Musik ist es, die erstmals seit Langem wieder eindeutig die Bühne dominiert. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2006)

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    Schwergewicht im Verdi-Einsatz: Johan Botha in der neuen "Otello"-Produktion der Staatsoper

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