Zweikampf um das Präsidentschaftsamt

30. Oktober 2006, 13:50
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Der Präsident der Armen, Luiz Inácio Lula da Silva, muss sich am Sonntag einer Stichwahl stellen - Umfragen geben ihm einen bequemen Vorsprung

Für Elaine Souza steht fest: "Meine Stimme bekommt Lula." Umringt von ihren vier Kindern steht die dunkelhäutige Frau vor ihrer Holzhütte im südbrasilianischen Canoas. Wie elf Millionen arme Brasilianerinnen bezieht Souza das staatliche "Familienstipendium" von umgerechnet 35 Euro im Monat, als Müllsammlerin verdient sie noch einmal 75 Euro dazu.

Dass Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva am Sonntag aller Voraussicht nach die Stichwahl gewinnt, hat er vor allem seinem Rückhalt in der armen Bevölkerung zu verdanken. Letzten Umfragen zufolge ist er seinem rechtsliberalen Herausforderer Geraldo Alckmin rund 20 Prozentpunkte voraus. Im Zweikampf mit dem früheren Gouverneur São Paulos, einem eher spröden Technokraten, konnte sich der frühere Metallarbeiter als "Mann des Volkes" profilieren - und als erfolgreicher Regierungschef. 53 Prozent der Brasilianer finden die Regierungsarbeit "optimal" oder "gut", hat das Meinungsforschungsinstitut Datafolha soeben ermittelt - ein Rekordwert.

Verteilung und Bildung

"Wir haben gezeigt, dass wir mit Liebe und Respekt für das Volk sorgen können", ruft Lula in der Industriestadt Canoas. Die Inflation sei im Griff, für Lebensmittel müssten die Menschen weniger Geld ausgeben als früher. "Nun müssen wir mehr Einkommen verteilen und mehr in die Bildung investieren."

In drei Fernsehdebatten parierte Lula die Angriffe seines Rivalen zunehmend souveräner. Keiner seiner Vorgänger habe sich im Kampf gegen die Korruption so engagiert wie er, behauptet der Staatschef, dessen Arbeiterpartei PT sich in mehrere Affären verstrickt hatte.

"Jetzt ist die Klassenfrage deutlich geworden"

Obwohl er in der Wirtschafts- und Sozialpolitik kaum neue Akzente gesetzt hatte, gelang es ihm jetzt, Alckmin in die Defensive zu drängen. Der Parteifreund von Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso wolle die letzten lukrativen Staatsbetriebe privatisieren, warnte Lula immer wieder. Damit dürfte er Millionen enttäuschter Wähler zurückgewinnen, die im ersten Wahlgang für zwei seiner früheren Parteifreunde gestimmt hatten.

João Carlos Amaral etwa macht jetzt wieder für Lula Wahlkampf, weil er ihn als "kleineres Übel" betrachtet. "Jetzt ist die Klassenfrage deutlich geworden", sagt der langjährige Aktivist der Landlosenbewegung MST, der kritisiert, dass Lula seine Versprechen einer grundlegenden Landreform nicht gehalten hat. Aber Alckmin, dem Beziehungen zum katholischen Geheimbund Opus Dei nachgesagt werden, sei der "Kandidat der Reichen", sagt Amaral. (Gerhard Dilger aus Canoas/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lula mit seinem Herausforderer Alckmin

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