Pressestimmen: "Das verrückteste Paradoxon"

27. Oktober 2006, 22:09
27 Postings

"The Guardian": US-Truppen können Bürgerkrieg im Irak nicht stoppen

Rom/London/Genf - Zahlreiche europäische Tageszeitungen befassen sich am Mittwoch mit dem Vorgehen der USA im Irak und den bevorstehenden Kongresswahlen.

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Von der grünen Zone in Bagdad aus, dieser labilen Trutzburg des Westens im Irak, haben US-Botschafter Khalilzad und General Casey, Kommandant der Militäroperation im Irak, live im Fernsehen den x-ten Plan von US-Präsident George Bush vorgestellt, wie der Krieg im Irak zu gewinnen ist. Mit diesem Plan, der aber keine wesentlichen Neuigkeiten enthielt, versucht die Regierung Bush vor den entscheidenden Kongresswahlen im November die Ängste der Amerikaner anzugehen, von denen lediglich noch 20 Prozent denken, dass man dabei ist, den Krieg zu gewinnen. (...)

Aber weder der eine noch der andere sind im TV tatsächlich auf Einzelheiten eingegangen. Und die Amerikaner haben in ihrer Mehrheit negativ auf den Auftritt des Generals und des Botschafters reagiert."

"La Repubblica" (Rom):

"Die road map, die der US-Botschafter im Irak Khalilzad im amerikanischen Fernsehen ankündigte, ist die erste Folge dieses Wechsels der Taktik, wie ihn US-Präsident George Bush am vergangenen Samstag von seinen Generälen verlangt hat. In einer anderen Situation hätte dies sicherlich die Popularität des Weißen Hauses gesteigert. Aber angesichts des gegenwärtigen Wahlkampfklimas besteht die Gefahr, dass dies nur einen sehr geringen Effekt hat."

"The Guardian" (London):

"Auch wenn die Truppen im Irak blieben, könnten sie einen Bürgerkrieg nicht verhindern. Sie sind vor allem damit beschäftigt, ihre eigenen Festungen zu verteidigen, da ihre Anwesenheit für Aufständische Übungsziele bietet und zudem die zivile Verwaltung in Bagdad sowie in den Provinzen unterminiert. Amerikanische und britische Truppen mögen Besatzungsmächte sein, aber die Macht haben sie nicht.

Dieses Land ist von zwei der mächtigsten und zivilisiertesten Nationen zur schlimmsten Hölle auf Erden gemacht worden. Armeen, die Demokratie und Wohlstand versprachen, haben Blutvergießen und eine Not gebracht, die schlimmer ist, als jene unter dem brutalsten modernen Diktator. Dies muss wohl das verrückteste Paradoxon der neuzeitlichen Geschichte sein."

"Daily Telegraph" (London):

"Die mächtige neokonservative Lobby, die die Speerspitze der Pro-Kriegs-Kampagne bildete, hat die Kontrolle über das Pentagon und die Nachkriegsverwaltung im Irak übernommen - mit verheerenden Konsequenzen. Die Neokon-Vision bestand darin, auch das letzte Überbleibsel des Baath-Regimes platt zu machen und die utopische Idee einer Demokratie nach westlichem Vorbild zu verwirklichen und zwar als leuchtendes Beispiel, das den Autokratien im Nahen Osten entgegengestellt werden sollte. Der grundlegende Fehler war dabei, dass die Neokonservativen zu keinem Zeitpunkt daran dachten, die 22 Millionen Iraker zu konsultieren, die keinen Appetit auf Demokratie westlicher Machart hatten, sondern nach der Befreiung vom Saddam-Regime lieber nach dem traditionellen Modell der Stammesherrschaft regiert worden wären." (APA/dpa)

Share if you care.