Musikrundschau: Schwarze Tinte

26. Oktober 2006, 18:38
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In einem schwachen Jahr für den Pop bilden Songwriterinnen die große Ausnahme von der Langeweile des Gitarrendiktats

EMILY HAINES & THE SOFT SKELETON
Knives Don't Have Your Back
(Last Gang Records/Trost)
Hauptberuflich ist die kanadische Sängerin und Pianistin bei der Sturm-und-Drang-Gitarrenband Metric aktiv (zuletzt: Live It Out) und arbeitet auch mit dem Pop-Kollektiv Broken Social Scene. Auf ihrem neuen fantastischen Solo- album erweist sich Haines mit an 70er-Jahre-Breitwand-Klavierpop und -balladen angelehnten Songs als Meisterin der Zwischentöne. Nicht nur, dass ihre zurückgenommene, ohne jeden Affekt auskommende Gesangsperformance nachhaltig süchtig macht, auch die sorgfältig arrangierten Lieder selbst schleichen sich ohne Chance auf längerfristigen Widerstand in die Gehörgänge. Die Liner-notes zu diesem Album hat niemand Geringerer als Robert Wyatt geschrieben.

LITTLE ANNIE
Songs From The Coal Mine Canary
(Durtro Jnana/Trost)
Little Annie Anxiety Bandez zählte während ihrer Zeit in Großbritannien zur On-U-Sound-Posse von Adrian Sherwood und erforschte damals das Grenzland zwischen populärem Postpunk und jamaikanischer Dub- und Reggae-Musik. Nach Jahren in der Versenkung kehrt die Multimediakünstlerin und Poetin jetzt mit einer berührenden, in New York mithilfe von Paul Wallfisch (Botanica) und Antony entstandenen Songsammlung zurück. Darauf wird der Sprechgesang der gereiften Künstlerin mit klavierlastigem Vaudeville und Jacques-Brel-Klängen unterlegt und stellt die gehörig unpeinlichere Alternative zum Spätwerk einer Patti Smith dar. Groß und verstörend!

NINA NASTASIA
On Leaving
(Fat Cat/Trost)
Die in New York lebende Sängerin legt nach Meisterwerken wie ihrem vor sechs Jahren erschienenen Debüt Dogs oder zuletzt The Blackened Air (2003) wiederum unter der Regie von Produzent und Langzeit-Fan Steve Albini ein intimes, kammermusikalisches Meisterwerk vor. Über die Jahre mögen in die nachtschwarzen Balladen von Nastasia heute zwar einige Sonnenstrahlen dringen, diese an der Oberfläche ruhigen Songs auf Gitarre-Klavier-Geige-Schlagzeug-Basis bergen aber immer noch genügend Verzweiflung und innere Kämpfe, um diese Arbeit neben den aktuellen CDs von Jolie Holland (Springtime Can Kill You) und Carla Bozulich (Evangelista) zu einem der intensivsten akustischen Vergnügen des heurigen Jahres zu machen. schach

EMILIE SIMON
Vegetal
(Universal)
Noch nicht 30 Jahre alt, zählt Emilie Simon in ihrer französischen Heimat bereits zu den ganz großen, im autarken Alleingang schaffenden Songwriterinnen. Ausgehend von Heimelektronik schöpft die Musikerin auch auf ihrem neuen Album zarte, versponnene Soundlandschaften, die mitunter an eine gemäßigte Björk und deren KlingKlang-Wunderland erinnern. Im Gegensatz zur isländischen Mutter alles Versponnenen im Pop gibt sich Simon allerdings vom Hysteriefaktor her gemäßigter. Dies wird wohl auch dadurch bedingt, dass sich Simon zumindest in einem Punkt tief ins musikalische Klischee ihres Heimatlandes begibt. Der Gesang definiert sich wie bei Carla Bruni oder Charlotte Gainsbourg mehr über das Hauchen als das energische Singen. Ansonsten: ein herbstliches Erwachsenenalbum ohne Fehl und Tadel. (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2006)

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    Emily Haines

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