Meine ersten 125 Jahre Telefon!

30. Oktober 2006, 16:00
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Seit 1881 hat das Festnetz Menschen an der Strippe. Eine Ausstellung der Telekom erzählt die offizielle Geschichte des Telefons

Telefonieren ist eine Kulturtechnik. Etwas weniger entspannend als Schaumbaden und nur in Härtefällen so anstrengend wie Spitzentanz. Anders als das Programmieren von DVD-Rekordern liegt es uns in den Genen. Telefonieren können wir. Von Anbeginn an. Seit wir vom Baum gestiegen sind und mit dem Kiesel in der Hand in den Savannenuntergang geschlendert sind.

Am Abend haben wir uns um die Feuer gelegt, gegrillte Antilopen gekaut - und gequatscht. Stundenlang. Dabei, so vermuten Forscher, muss sich bei den frühen Menschen die Fähigkeit entwickelt haben, die Gemütslage des Gesprächspartners bis in die feinsten Verästelungen momentaner Stimmungsschwankungen wahrnehmen zu können. Und zwar selbst in stockdunkler Nacht. Seit damals haben wir ein Faible für Late Night Shows, die Kleine Nachtmusik - und fürs Telefonieren.

Meine erste Begegnung mit dem Telefon fand im Kindergarten statt. Der Apparat war rot und aus Plastik, und er hatte alles, was man brauchte: Hörer, Wählscheibe, Spiralkabel und einen kleinen, weißen Knopf. Telefonieren ging so: Ich hob den Hörer ab, drückte auf den kleinen, weißen Knopf und ließ es dreimal läuten. Läuten bedeutete salbungsvoll und ernst: "Ring, riiiing, riiiihiiing" zu rufen. Meine Telefonpartnerin saß schon bereit. Mit gespieltem Erstaunen hob sie den Hörer ihrer kleinen Kommunikationsmaschine ab und meldete: "Hallo, hallo, hier Regina Novak, wer ist am Apparat?" "Hallo, ja, hier Andrea Dusl, mir ist das Waschmittel ausgegangen, ob Sie wohl noch welches haben?" "Ja, kommen Sie doch in den Kaufmannsladen, wir haben gerade neues Omo bekommen." "Danke!" "Danke!" Klick. Klick. So ging Telefonieren. Tausendmal geübt.

Telefonieren war Elternsache

An das wirkliche Telefon zu gehen, daran war nicht zu denken. Gabel, Schere, Messer, Licht sind für kleine Kinder nicht. "Und das Telefon schon gar nicht", trichterte mein Vater uns ein. Es war ihm ernst, denn Telefonieren war eine teure Angelegenheit. Telefonieren war Elternsache. Telefonierende Kinder gab es im wirklichen Leben nicht. Wir durften an Plastiktelefonen herumdoktern. Wirkliche Telefone hatten - außer den Vater mit einem unbeabsichtigten Anruf nach Neuseeland in den Schuldenkotter zu stürzen - auch ein anderes Manko: Sie waren schlicht zu schwer. Auf den Boden gefallen, pflegten die schweren Hörer zu zerbrechen wie Weihnachtsgebäck. Hochflorige Teppiche sollte Östereich erst in den 70er-Jahren kennen lernen.

Als wir schon etwas älter waren und uns durch amerikanische Vorabendserien geschaut und uns mit dem Leben telefonierender Ami-Teenies vertraut gemacht hatten, waren zwar die Hörer noch immer aus Bakelit, aber unsere Arme vom Füllfederhalten stark wie Tigerpranken. Jetzt konnten wir die haptische Hürde des Telefonierens überspringen. Nicht aber das Telefonschloss. So ein Telefonschloss war traditionell am Wählscheibenloch der Ziffer vier montiert. Man konnte also Rettung und Feuerwehr anrufen, die Grünröcke und die Vorwahl von Amerika. Mehr war nicht drinnen. Obwohl. Immer wieder riefen Babys bei uns an. Kleinkinder, Säuglinge. Nicht oft, aber immer öfter. Sie konnten zwar nicht sprechen, aber sie konnten uns anrufen.

Wie machten sie das? Und wieso riefen Babys ausgerechnet bei uns zu Hause an? Meine Brüder und ich dachten tagelang nach, und dann klingelte es. Unsere Nummer war zusammengesetzt aus Einsen, Zweien und Dreien, eine Nummer, die man auch von einem abgesperrten Telefon anrufen konnte. "Gaga", sagten sie und "Gugu" und "Föf". Diese frühen Talente sind jetzt Regalbetreuer, Biologielehrerinnen, U-Bahn-Fahrer und Stadträtinnen. Möglich aber auch, dass sich aus diesen Babys das Heer der Telefonistinnen und Telefonisten rekrutiert, die anonym in Telefonierkojen sitzend, mit uns über Handytarife, Softwarehusten und die Kirchensteuer sprechen. Vielen von diesen frühkindlichen Telefonierern haben wir also damals das Kommunizieren beigebracht.

Telefonschloss schnell "geklackt"

Selbst beigebracht haben wir uns das "Klacken". "Klacken" nannten wir die Technik, mit dem Hörer so auf die Gabel unseres, mit dem Telefonschloss versperrten Telefons zu knallen, dass dabei ein Impuls ausgelöst wurde. Ein Mal Klacken entsprach dem Wählen der eins, zwei Mal dem der Ziffer zwei. Und so wei-

ter. Null hieß zehn Mal klacken. Für diese Abstraktionsleistung brauchten wir Geschwister gemeinsam drei Tage. Danach konnten wir auch vom versperrten elterlichen Apparat in die ganze Welt telefonieren. Der Schwindel ist nie aufgeflogen.

Öffentliches Telefonieren, auch das wollen wir hier nicht verschweigen, hatte für Kinder immer den Beigeschmack schwerer geruchlicher Demütigung. Öffentliche Telefonzellen rochen ausnahmslos nach Herrentoilette. In strengen Wintern ging es. Aber wer will in strengen Wintern in Herrentoiletten telefonieren? Eine solche Telefonzelle - ältere waren aus Holz und fahlgelb gestrichen, jüngere aus Metall und schwarz - betrat man nie ohne Telefonschilling. Den Telefonschilling warf man in einen Schlitz und wählte. Hob jemand ab, drückte man einen weißen Knopf. Ein Zeiger setzte sich in Bewegung. Der Zeiger ratterte in einem gebogenen Fenster von links nach rechts wie die Tachonadel unseres gemächlich beschleunigenden Familienvolvos. Bei Tempo 140 war der Schilling zu Ende. Gespräche hatten immer etwas Getriebenes. Wer telefonkommunikatorisch auf sich hielt, hatte eine Nadel oder einen dünnen Stahlnagel bei sich. Kaum ein Telefon, das nicht mit einem illegalen Loch im linken Eck des gläsernen Anzeigefensters versehen war. Zu Beginn des Gesprächs steckte man den Nagel durchs Löchlein und hielt damit den Zeiger auf. Telefonieren ging jetzt stundenlang. Theoretisch. Praktisch stand schon nach zwei Minuten eine Warteschlange vor dem Häuschen. Böses Schauen, Klopfen, Murren und schon war der Nächste dran.

All meine frühen romantischen Termine, all die spannenden Rendezvous, Kaffeehausbesuche, Sturmfreie-Buden-Partys und Schulstangeleien habe ich in diesen nach Bohnerwachs und Sandlerpisse stinkenden Telefonhütten organisiert. Mit klammen Fingern Telefonnummern auf Wände gekritzelt und mir gedacht, es müsste jemand, irgendjemand Telefone erfinden, wie man sie auf der Enterprise verwendet. Diese kleinen Dinger mit den kleinen Antennen, die man in die Tasche steckt, und wo man mit ein paar Tastendrückern jeden, aber auch jeden jederzeit und überall anrufen kann. Auf seinem und ihrem kleinen Taschentelefon. So etwas müsste man erfinden, dachte ich mir. 1971 in der Telefonzelle neben dem Votivkino. Als gerade wieder jemand einmal klopfte und schrie: "Zah au, du bist ned alaa."(Maria Dusl/Der Standard/Rondo/27/10/2006)

"Kurbeln, was das Zeug hält": Erst 1910 kamen erste Telefone mit Wählscheibe auf den Markt.
Die Ausstellung "125 Jahre Telefonie - Networks for me" läuft von 10. bis 12. November 2006 in der Unternehmenszentrale der Telekom Austria
Lasallestraße 9
1020 Wien
Geöffnet jeweils von 10 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei
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    foto: telekom

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