Ein guter Tag

29. Oktober 2006, 19:49
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Es sind wirklich immer nur die Anderen, die bösartig und aggressiv sind

Es war am Freitag. Aber dass der erstens ein Freitag und zweitens der 13. war, hat nichts zu sagen. Weil ich – erstens – nicht an solche Dinge glaube, da – zweitens – auch beliebige Diens- Sams- oder Montage so laufen können. Und weil mir – drittens – in den letzten Jahren und zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Leute aus allen Blaulichtorganisationen versichert haben, dass ihre Statistiken keineswegs auf eine Häufung von Unfällen, Aggressionsausbrüchen oder Gewaltdelikten an Freitagen, 13. und Neu- oder Vollmondnächte schließen lassen.

Trotzdem: Es gibt kollektiv-aggressive Tage. Es war halt Zufall, dass ausgerechnet der letzte Freitag so einer war. Und – wie immer – waren nur die anderen schlecht drauf: ein Teilsegment meiner Umwelt. Noch dazu jenes mit dem ich weder verbaliter noch sonst wie direkten Kontakt habe. Vielleicht ja auch, weil ich die Zeichen richtig deutete, als sie sich mir offenbarten (im Bus nämlich) und zwei Gänge zurück schaltete. So wie immer eben.

Der Aufbau

Bei den anderen ist es aber immer gleich: Es beginnt mit dem Verlust der Fähigkeit, entgegenkommenden Menschen in die richtige Richtung auszuweichen. (Wie und warum das sonst so – im Wortsinn – reibungslos – funktioniert, ist mir aber ohnehin ein Rätsel.) Dann kommt die Unfähigkeit, über kleinere Gerüche, Geräusche oder Macken hinwegzusehen: Der Mann gegenüber hat seit tagend as selbe Hemd an, die Frau neben ihm isst in der Früh (laut schmatzend) eine Leberkäsesemmel und der Schüler nebenan nimmt zwischen zwei Haltestellen viermal seine Schultasche von der Schulte – nicht ohne sie jedem der Umstehenden jedes Mal in den Unterleib zu rammen.

Normalerweise genügt da ein Schritt zu Seite. Oder zwei. Und man legt halt die Ohren an, wenn das Handygespräch nebenan von der Speisenfolge des Abends zu den Verdauungsstörungen der Nacht führt. Aber manchmal geht das halt doch nicht. Und wenn ich Glück habe, sind es andere, die zuerst auszucken. Dann kann ich mich nämlich weiterhin als Inkarnation von Buddha hoch Ghandi fühlen – besser als der Rest der Welt. Weil der böse und aggressiv ist ­ also einfach dumm.

Freitag

Am Freitag also war ich schon den ganzen Tag über einer von den Guten gewesen. Und war mächtig stolz auf mich. Erst recht, als ich dann völlig entspannt war: Die Frau neben mir war dem Mann der da saß nämlich nicht auf den Fuß gestiegen: Dass daraus fast eine Schlägerei entstehen musste, war klar. Zumindest an einem solchen Tag.

Der Mann war dick. Er saß am Gangsitz. Weil die Frau, die neben ihm saß (und abgesehen davon mit dieser Geschichte gar nix zu tun hat) auch füllig war, ragte der Mann in den Gang des Busses hinein. Und auch sein Fuß stand im Gang.

Die andere Frau, also die, um die es hier geht, stieg ihm beim Einstiegen beinahe auf die Zehen. Und entschuldigte sich umgehend. Der Mann zog sein Bein ein (soweit es halt ging) und sagte „is eh nix passiert“. Die Frau konterte: „Ja eh, ich hab eh aufgepasst.“ Er: „Und ich mach mich dünn.“ Sie: „Aber wenn ich nicht aufgepasst hätte, hätte ich sie trotzdem erwischt.“ Er: „Na, ich hab mich für sie schon extra schlank machen müssen.“ Sie: „Aber wo soll ich denn sonst hinsteigen?“ Er (erschöpft): „Aufpassen müssen sie trotzdem.“ Sie (schon leicht gereizt) : „Hab ich doch.“ Er (ebenfalls laut werdend): „Na davon hab ich aber grad wenig gemerkt.“ Und so weiter.

Eskalation

Es dauerte noch zwei oder drei Wortwechsel bis die beiden einander mit hochroten Köpfen gegenüberstanden, respektive –saßen. Und (unter anderem ) wechselseitig Aussehen, Intellekt, Körperfülle und Körperfunktionen angesprochen worden waren. Durchwegs negativ rezensiert und konotiert, versteht sich. Beide schwitzten vor Wut. Zuletzt begann die Frau an der Schulter des dicken Mannes herum zu ruckeln: Er habe sie gerade getreten – und sie werde ihn anzeigen.

Ich wollte aussteigen und musste zwischen den Streitparteien durch. Und sagte: „Regen sie sich doch nicht so auf. Die Woche ist eh gleich vorbei.“ Die beiden ignorierten mich. Ich versuchte es noch einmal – wieder ohne Reaktion. Meine Halsschlagader begann zu pochen. Ich drängelte mich vorbei, und trat dabei – natürlich ganz unabsichtlich - beiden auf die Zehen. Dann war ich draußen.

Die beiden hatten mich wirklich nicht bemerkt. Und glaubten, dass jeweils der andere mein Vorbeigehen für eine fiese Attacke genutzt hatte. Sie kreischten, fluchten und schimpften. Ich stand draußen. Entspannt und locker. Der Druck in meinem Hals war weg: Das Wochenende konnte beginnen – und es würde gut, entspannt und harmonisch werden.

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