Vom Zuckerguss befreit: Wiener Philharmoniker

31. Oktober 2006, 13:27
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Unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt spielten sie Mozart

Wien - Der gesamten Trias der letzten Mozart-Symphonien gingen die Wiener Philharmoniker mit Nikolaus Harnoncourt heuer bereits beim Osterklang oder in Luzern auf den Grund, demnächst folgt unter anderem damit eine Japan-Tournee.

Für eine Soirée im Musikverein hatte man sich entschlossen, es bei den beiden Dur-Werken zu belassen (jenes in g-Moll eröffnet das "Konzert für Österreich" am Nationalfeiertag).

Doch auch in dieser Paarung gab es Arbeit genug: für die Hände, fürs Herz, und Stoff zum Nachdenken ohnehin. Denn es ist nicht bloß ein Schlagwort, dass Mozart da gehörig gegen den Strich gebürstet wurde - oder besser jene auf ihn projizierten Hör- und Spielgewohnheiten, die jede Schroffheit im Zuckerguss ersticken. Wie erregend es sein kann, besonders in Wien lieb gewonnene Traditionen aufzubrechen und einem gänzlich ungeschminkten Wolfgang Amadeus Mozart inmitten des heurigen Überangebots zu begegnen, wurde von Anfang an deutlich: Bereits die langsame Einleitung der Es-Dur-Symphonie ließ mit ungeschönten Schärfen und jener vergleichsweisen Zügigkeit aufhorchen, die der Alla-breve-Takt einfordert.

Mit Sinn geladen

Das Allegro erklang demgegenüber relativ breit, doch vielleicht genau deswegen mit mitreißend tänzerischer Eleganz. Keine der verwegenen Harmonien, die nicht mit Sinn geladen wurde, keine der sonst zur Füllmasse degradierten Nebenstimmen, die nicht mit adäquater Dringlichkeit brodelnd an die Oberfläche kam. Einzig manche Tutti-Stellen des Finales wirkten dann doch etwas unelastisch und zu wenig atmend, seltene Inhomogenitäten innerhalb der Streichergruppen waren möglicherweise nur vom Orgelbalkon aus so schlagend hörbar, ebenso wie das Zurückfallen Einzelner ins pathetische Vibrato inmitten des seidig-asketischen Andante der "Jupiter"-Symphonie.

Doch dass in deren erstem Satz zwei Welten unvermittelt aufeinanderprallen, wird einem selten so drastisch vorgeführt wie von Nikolaus Harnoncourt, ebenso wie die Fülle visionärer Gedanken im Schlusssatz.

Und so war es gerade das Bürsten gegen den Strich, das in überraschenden Momenten neuen Glanz hervorbrachte - nicht als Bildersturm, sondern ad majorem gloriam Mozarti. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2006)

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