Politikwissenschaft im Kunsthandel

3. November 2006, 13:06
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Die Kinder der Kunsthändler (Teil 6): Claudia und Roland Widder

Wien - Man ging gemeinsam ins Konzert oder lud zu ausgedehnten Abendessen nach Hause, der Kontakt zu Kunden war intensiver, insgesamt persönlicher und relevanter Teil daraus resultierender Verkaufsabschlüsse - auch weil die gebürtige und in Linz ansässige Juristin Margarete Widder über kein Geschäftslokal verfügte. Nach Vereinbarung lautete das Motto, das sie im Zweiwochenrhythmus nach Wien führte.

Das von ihrer Mutter gelebte Modell haben die Geschwister Claudia und Roland für sich modifiziert. Sie trennten das Privat- vom Berufsleben und eröffneten vor fünf Jahren eine Kunsthandlung in der Johannesgasse. Dabei hegte Claudia vorerst keinerlei In- teresse am Kunsthandel. Wie ihr Bruder auch hatte sie Politikwissenschaft studiert, anders als ihn reizte sie - vor allem nach einem Praktikum bei der EU-Kommission in Brüssel- eine internationale Laufbahn. Das erste verkaufte Kunstwerk war ein Willy Eisenschitz. Im Rückblick kann sich Claudia beim besten Willen nicht mehr entsinnen, wer aufgeregter war. Sie oder der Kunde, für den es der erste Kunstkauf war. Rolands Premiere erfolgte im Anschluss an einen USA-Aufenthalt mit mitgebrachten Arbeiten von Josef Floch.

Diese reichte er an seine Mutter weiter und finanzierte sich so erhebliche Teile des Studiums. Die Faszination für das Handelsgut reicht bis in die Kindheit zurück und mag auch an den damaligen Proportionen gelegen haben. Den Fünfjährigen haben die drei mal zwei Meter großen Bilder von Karl Mediz jedenfalls schwer beeindruckt.

Was ist heute anders als damals? Den Kunden der Mutter waren gute Gespräche über Kunst wichtiger als der Preis eines Werkes. Jetzt sei alles unverbindlicher und anonymer, die Kundenbindung dadurch schwieriger. Sind die Geschwister oft einer Meinung? Im Gegenteil, und das war schon immer so. Sie haben daraus zu profitieren gelernt, etwa bei Akquisitionen - zu 80 Prozent übrigens im Ausland - und wenn es um die Höhe des auszulegenden Betrages geht.

Der Kompromiss, das asiatische Prinzip der goldenen Mitte bewahrt zumindest vor Fehlkäufen. Die Spezialität von Claudia und Roland Widder sind akribisch recherchierte Publikationen. Auf zehn hat man es in den vergangenen fünf Jahren gebracht, darunter nicht weniger als sieben Monografien.

Teile des Programms präsentiert der Kunsthandel demnächst auch im Rahmen der Kunst- und Antiquitätenmesse im Palais Ferstel (28. 10. - 5. 11.). Die Bandbreite ist in jedweder Hinsicht groß, stil- und zeitbedingt, aber auch in Sachen Preisniveau und Erlebnisfaktor. Das Angebot erstreckt sich von 300 ¬ für Radierungen von Carry Hauser über eine 3800 ¬ teure Überfahrt nach Amerika Theodor Aleschas bis zu 26.000 ¬ für das mit 1930 datierte Landschaftsstück Route dans les Maures von Willy Eisenschitz.

Und wer schon immer der Entlausung eines türkischen Regiments (Oskar Laske, Gouache, 8000 ¬) beiwohnen oder Besitzer eines Schlosses in Niederösterreich (Sergius Pauser, 18.000 ¬) werden wollte, ist beim Kunsthandel Widder an der richtigen Adresse. (Olga Kronsteiner /DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2006)

  • Begonnen hat Mutter Margarete Widder ohne Geschäftslokal in Linz: Die Geschwister Roland und Claudia bilden die zweite Generation des Kunsthandels Widder.
    foto: widder

    Begonnen hat Mutter Margarete Widder ohne Geschäftslokal in Linz: Die Geschwister Roland und Claudia bilden die zweite Generation des Kunsthandels Widder.

  • Willy Eisenschitz "Route dans les Maures", 1930. Sein Werk entspricht eher der École des Paris.
    foto: kunsthandel widder

    Willy Eisenschitz "Route dans les Maures", 1930. Sein Werk entspricht eher der École des Paris.

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