Asyl für kontolose Kunden

14. November 2006, 15:43
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Die "Zweite Sparkasse" bietet ab November Leuten, die in der Klemme stecken, Konten an und hilft ihnen so beim Existenzaufbau

Wien - Die Finanzmarktaufseher von der FMA, die über die Vergabe von Banklizenzen befinden, dürften ganz schöne Augen gemacht haben, als sie das betriebswirtschaftliche Konzept der "Zweiten Sparkasse" (kurz: die Zweite) studierten. "Die Zweite ist wahrscheinlich die einzige Bank überhaupt, die stolz darauf ist, Verluste zu schreiben", erklärt das Michael Mauritz, Sprecher der Erste Bank. Tatsächlich plant das Institut, dessen erste Niederlassung am 21. November in Wien-Leopoldstadt eröffnet, laut ihren beiden Vorstandsmitgliedern Evelyn Hayden und Gerhard Ruprecht fürs nächste Jahr einen Verlust von 50.000 Euro. Für die vier Jahre danach ist in Summe ein Minus von 753.000 Euro budgetiert.

Gründungsgedanke

Rote, aber gute Zahlen, der Hintergrund ist nämlich folgender: Das von der "Ersten österreichischen Spar-Casse Privatstiftung" gegründete Institut soll den "sozialen Gründungsgedanken der Sparkassen wieder aufleben lassen" (Hayden). Es bietet im Wesentlichen nur ein Produkt an: nicht überziehbare Konten für Leute, die wegen ökonomischer und/oder sozialer Probleme keine Bankverbindung (mehr) haben und bekommen. Die Kosten beschränken sich auf eine Kontoführungskaution (neun Euro im Quartal), die bei der Auflösung des Kontos wieder zurückfließt.

Ebendiese Kontoauflösung ist auch Ziel der Sozialbanker: "In Zusammenarbeit mit Caritas und Schuldnerberatung wollen wir unseren Kunden nach drei Jahren wieder zu einer so genannten normalen Bankbeziehung verhelfen", erklärt Zweite-Vorstand Ruprecht. Ob die Kunden dann im Erste-Reich landen? "Wenn sie wollen, können sie gern zu uns kommen."

Die angesprochene Kundenschicht ist so dünn nicht: Insgesamt gibt es in Österreich rund 12.000 Leute ohne Bankverbindung, in den meisten Fällen sind dem kontolosen Zustand Privatinsolvenzen vorausgegangen. Potenzielle Kunden sind auch jene Unglücksraben, die auf den berüchtigten schwarzen Listen der österreichischen Banken stehen. Durchaus möglich also, dass die gute Zweite auch jene mit Haben-Konten (um drei Achtel höher verzinst als Girokonten) versorgt, die bei der nicht ganz so guten Erste Bank oder bei den Sparkassen "unerwünschte Kunden" sind.

Expansion

Die Zweite, für die übrigens nur Ehrenamtliche arbeiten, rechnet mit 2000 Kunden, nach einer sechsmonatigen Pilot-Phase in Wien plant man, das Sozialprojekt "in Kooperation mit den Sparkassen auf ganz Österreich umzulegen", wie Ruprecht erzählt.

Finanziert wird die Sozialbank von der Erste Privatstiftung, die das Kapital von fünf Mio. Euro aufgestellt hat; die Erste Bank hat eine Patronatserklärung abgegeben. Im Aufsichtsgremium kontrollieren Erste-Vorstand Reinhard Ortner, WU-Vizerektorin Barbara Sporn, und einer, der weiß, was armen Seelen gut tut: Pfarrer Helmut Schüller, Uni-Seelsorger und Ex-Caritas-Chef. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2006)

  • "Zweite"-Banker Evelyn Hayden und Gerhard Ruprecht führen die erste Sozialbank Österreichs.
    foto: standard/andy urban

    "Zweite"-Banker Evelyn Hayden und Gerhard Ruprecht führen die erste Sozialbank Österreichs.

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