Reportage: Aufruhr mit falschen Posen

30. Oktober 2006, 18:39
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Rechtsradikale entwürdigten die offiziellen Gedenkfeiern mit Demonstrationszügen, die die Polizei gewaltsam auflöste

Die Große Ringstraße in Pest, der Blaha-Lujza-Platz und die Kossuth-Straße glichen in der Nacht zum Dienstag einem Schlachtfeld. Umgestoßene Mülltonnen, aus ihrer Verankerung gerissene Sitzbänke und Bauschutt bedeckten das Terrain. Stundenlang hatten einander hier rechtsradikale Demonstranten und die Polizei gegenübergestanden. Stundenlang verharrte man bewegungslos, gelegentlich warfen die Demonstranten Steine und manchmal Molotow-Cocktails, bis die Polizei den Zeitpunkt für geeignet hielt, um die Rabauken zu vertreiben und zu jagen.

Illegale Demos

Gegen Mitternacht verdrängten die Ordnungshüter die Demonstranten von der Ringstraße in Richtung Westbahnhof. 15 Mann starke Trupps durchkämmten auch die Nebenstraßen, um abtauchender Demonstranten habhaft zu werden. Die Rechtslage war klar: Die Kundgebungen, die am Montagnachmittag begonnen und die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des ungarischen Volksaufstands entwürdigt hatten, waren nicht angemeldet und daher illegal.

Die Vorgangsweise der mit Schildern, Schlagstöcken, Knieschutz und Helmen bewehrten Bereitschaftspolizisten war hart, um nicht zu sagen, brutal. In einer Parallelstraße zum Ring stieß so ein Trupp auf einen ausgemergelten ärmlich gekleideten Mann. Sie stießen ihn rüde herum, rempelten ihn gegen eine Hauswand. "Warum ich, warum ich?", schrie er. Es ist nicht sehr wahrscheinlich - aber auch nicht gänzlich auszuschließen -, dass er mitdemonstriert hatte. Die Polizisten ließen ihn laufen.

Am Pester Brückenkopf der Elisabethbrücke blieb um Mitternacht der letzte Haufen von rund 500 Militanten übrig. Die Kossuthstraße, die zur Brücke führt, hatten sie mit einer Barrikade aus Baumaterialien abgesperrt. In 70 Meter Entfernung gingen rund 200 Bereitschaftspolizisten und zwei Wasserwerfer in Stellung. Auch hier passierte zunächst ein paar Stunden gar nichts. Das Polizeikontingent wuchs durch Verstärkungen aus der Provinz - ein gemieteter privater Autobus aus dem südungarischen Szeged war zu sehen - auf gut 500 Mann an. Wenn Gruppen von Demonstranten einen Ausbruchsversuch unternahmen, feuerten die Polizisten Tränengas ab. Zwischendurch setzten sie sich auf den Boden und verzehrten Sandwiches.

Als um 1.30 Uhr der Schneepflug eintraf, wurde es ernst. "Truppe, macht euch bereit", erschallten die Kommandorufe. Auf der anderen Seite hatten sich die Reihen inzwischen stark gelichtet. Der Großteil der Demonstranten war inzwischen über die Brücke nach Buda spaziert, weniger als 100 waren noch geblieben. Der Lautsprecherwagen der Polizei forderte die Menge auf , sich zu zerstreuen. Eine reine Formalität, denn zugleich setzten sich der für die Barrikadenräumung gedachte Schneepflug, die Wasserwerfer und das Polizistenheer in Bewegung. Die Ordnungshüter verschossen Salven von Tränengasgranaten, die Wasserwerfer versprühten blau gefärbtes Wasser, das auch eine spätere Festnahme fliehender Demonstranten ermöglichen sollte.

Nach wenigen Minuten waren die Militanten geflohen. Nur ein Häuflein von fünf oder sechs besonders hartgesottenen Kämpfern warf noch Steine in Richtung Polizisten, einer einen letzten Molotow-Cocktail, der aber 20 Meter vor der ersten Polizistenreihe wirkungslos verglühte. Die Pose schien perfekt: die zum Steinwurf hochgereckten jungen Männer hinter der Trümmerbarrikade verwandelten sich im Zwielicht der die Tränengasschwaden kaum durchdringenden Scheinwerfer der Polizeifahrzeuge sekundenlang zu heroischen Schemengestalten. 50 Jahre nach 1956 inszenierten sie ihre private Pseudo-Revolution.

Durch Nebengassen

Manche von ihnen wurden bald von der Wirklichkeit eingeholt. Die Polizei jagte sie auch hier durch die Nebengassen. Viele der Festgenommenen bluteten am Kopf. Schon am Nachmittag war auf Fernsehbildern zu sehen gewesen, wie Polizisten auf einen am Boden Liegenden eintraten. Die ungarische Polizei scheint auf den Umgang mit Menschenmassen nicht gut vorbereitet zu sein. Am 18. September, als die Krawalle aufgeflammt waren, hatte die Sicherheitskräfte tatenlos zugesehen, wie die Militanten den Sitz des Fernsehens stürmten. Seitdem wird bei den - nach rechtsstaatlichen Kriterien unumgänglichen - Demonstrationsauflösungen immer wieder unangemessene Gewalt angewendet. (Gregor Mayer aus Budapest /DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2006)

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