Nachdenken übers Altwerden im Dorf

29. Oktober 2006, 18:53
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Das Projekt "Lebensfreude" im Großen Walsertal soll Wege finden, um gute Altenbetreuung leistbar zu machen

Sonntag - Ferienwohnungen als Räume für Alten-Wohngemeinschaften. Untermiete und Pflege, oder ein Urlaubsbett bei der Nachbarin. Eine Tagesheimstätte und eine Anlaufstelle für Fragen rund um die Pflege. Altenbetreuung auf dem Land lässt sich ohne große finanzielle und gesellschaftliche Eingriffe organisieren, wenn man gemeinsam über Perspektiven nachdenkt, wie im Biosphärenpark Großes Walsertal. 50 Menschen beschäftigten sich eineinhalb Jahre lang im Projekt "Lebensfreude" mit dem Altwerden in den sechs Gemeinden. Der Status quo: 255 der 3500 Einwohner brauchen Betreuung, Tendenz steigend. Die bevorzugte Betreuungsform ist die Pflege daheim, das Tal zu verlassen, um in ein Pflegeheim zu ziehen, der letzte Ausweg.

Leistbarer Standard

Die größten Budget-Brocken der Walser Dörfer sind die Sozialausgaben: 262.047 Euro fließen pro Jahr in den Spitalfonds, zweithöchster Posten ist der Beitrag in den Sozialfonds. Der geplante Bau eines Altenheimes wurde verworfen. "Zu teuer, außerdem rechnet sich ein Altenheim erst ab 30 Betten", sagt die Obfrau des Sozialausschusses der Regio Großes Walsertal, Helga Bickel.

Es galt "Möglichkeiten zu finden, die den Einwohnern einen möglichst hohen Sozialstandard bieten und leistbar sind", sagt Franz-Ferdinand Türtscher, VP-Bürgermeister von Sonntag. Nun warten die Lebensfreude-Vorschläge auf Umsetzung: Bestehende Einrichtungen, wie Krankenpflegeverein, Mobiler Hilfsdienst, Rotes Kreuz sollen durch neue Angebote, wie eine Tagesbetreuung und eine zentrale Sozialstelle ergänzt werden. Ausbauen will man die "Private Pflege", die Aufnahme von Pflegebedürftigen durch eigens ausgebildete Hausfrauen im Dorf. Die Bildung von Wohngemeinschaften will man unterstützen.

Allein im Alter

Beinahe die Hälfte der österreichischen Singlehaushalte sind Pensionistenhaushalte. Der Anteil der Singles steigt mit zunehmenden Alter - 48 Prozent der über 80-Jährigen lebt alleine. Die Betreuung der alten Menschen stellt die Gemeinden vor große finanzielle Herausforderungen. Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer: "Die Errichtung eines einzigen Pflegebettes kostet 100.000 Euro." Pflegeheime sollten nur noch errichtet werden, "wenn unbedingt notwendig". Lösungsansätze für kleine Gemeinden sieht Mödlhammer in der "Selbsthilfe durch kleine Einheiten". Diese Selbsthilfe-Organisationen müsste "stärker gefördert werden", finanziell, aber auch "durch Abbau bürokratischer Hürden". (jub, DER STANDARD Printausgabe, 25.10.2006)

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