Doppelstaatsbürgerschaft für Prominente leicht gemacht

31. Oktober 2006, 10:50
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Anna Netrebko hat sie, Udo Jürgens hat sie bald - Für Nicht-Promis ist sie illegal

Wien – Wer Österreicher werden will, muss eine Reihe strenger Bedingungen erfüllen, den Ösi-Test schaffen – und seinen bisherigen Pass zurückgeben. So bestimmt es das im März 2006 verschärfte heimische Staatsbürgerschaftsgesetz – wenn der Betreffende ein Normalmensch und kein Promi wie zum Beispiel Anna Netrebko ist.

Ausnahme

Auch für Einheimische mit außerösterreichischen Passwünschen gilt im Prinzip gesetzliche Strenge: Keine Chance auf Doppelstaatsbürgerschaft – es sei denn, man heißt zum Beispiel Udo Jürgens, der am Montag freudig verkündete, dass er bald zum Schweizer gemacht werden soll und dennoch wahrscheinlich Österreicher bleiben darf.

Jürgens muss seine "Extrawurst" beim zuständigen Landeshauptmann beantragen. Netrebko besitzt schon seit 1. August 2006 den österreichischen neben dem russischen Pass: Auf Beschluss des Ministerrats hin, der als einziges heimisches Gremium die Befugnis zum außertourlichen Österreichermachen hat – und somit auch Doppelstaatsbürgerschaften gewähren kann.

"Zu erwartende Leistungen"

24-mal haben die Regierungsmitglieder ihr Pouvoir im Jahr 2004 genutzt, immerhin noch 45-mal hatten sie es 2001 getan – für "Fremde" wegen "bereits erbrachter oder zu erwartender außerordentlicher Leistungen im besonderen Interesse der Republik". Doch diese Ausnahmefälle stellen für den Wiener Anwalt Georg Bürstmayr kein besonderes Problem dar.

Eher seien jene vielen, "normalen" Antragsteller zu bedauern, die zum Beispiel wegen der verlängerten Fristen laut neuem Gesetz keine Chance auf Einbürgerung in Österreich mehr hätten – von Doppelstaatsbürgerschaften ganz zu schweigen. Bei den Promi-Doppelpassfällen hingegen handle es sich meist um ein "gutes Geschäft für Österreich und das andere Land", erläutert Bürstmayr, der auch Anna Netrebko einschlägig vertreten hat.

Nicht weiter verwunderlich ist es für den Fremdenrechtsexperten, dass die Volkszählungsstatistik aus 2001 in Österreich immerhin 55.066 Personen ausweist, die angegeben haben, zwei Staatsbürgerschaften zu besitzen. In früheren Jahrzehnten sei die Doppelpassfrage weitaus liberaler als heute gehandhabt worden, Kinder aus gemischtstaatlichen Ehen hätten nach der Volljährigkeit zuweilen beide Pässe behalten dürfen. Ebenso kämen hier Extraregelungen für in den Jahren 1938 bis 1945 von den Nazis Verfolgte zum Tragen. Sowie der Umstand, dass so manches Überseeland dem staatsbürgerschaftlichen Erbsenzählen immer noch eine Abfuhr erteile – und wo kein Kläger, dort auch kein Richter. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 25.10.2006)

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    Netrebko: Russin und Österreicherin

  • Prominenter Ausnahmefall: Udo Jürgens
    foto: standard/fischer

    Prominenter Ausnahmefall: Udo Jürgens

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