"Jo, des wuins ollas wegreiß'n"

12. November 2006, 17:20
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Am heruntergekomme- nen Wiener Südbahnhof stellen sich die Geschäftsleute darauf ein, dass sie bald am Abstellgleis landen

Endzeitstimmung am heruntergekommenen Wiener Südbahnhof: Die Bahnhofshalle leert sich, die Geschäftsleute stellen sich darauf ein, dass sie bald am Abstellgleis landen. Sie alle weichen der neuen Bahnhof-City. Ab 2007 soll gebaut werden.

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Wien – "Ich habe das Kündigungsschreiben der ÖBB erhalten, aber es enthält kein konkretes Datum. Aber hier glaubt sowieso niemand, dass das wirklich kommt." So richtig glauben, dass ihr Geschäft auf dem Wiener Südbahnhof ein baldiges Ablaufdatum hat, kann es die Trafikantin noch nicht. Über die Traurigkeit, die das Gesicht binnen Sekunden erfasst, wenn das Gespräch auf den neuen Hauptbahnhof samt Einkaufs- und Bürozentrum kommt, die ab 2007 errichtet werden sollen, vermag das verschämte Lächeln allerdings nur kurz hinwegzutäuschen. Zu groß ist die Wehmut, wenn es um die Arbeit am Bahnhof geht.

"Eine Schande"

Ob sie im provisorischen Ostbahnhof, der auf den so genannten Waldmanngründen errichtet werden soll, ein Ersatzlokal bekommt oder von der Bahn abgefertigt wird, will die Geschäftsfrau ebenso wenig sagen wie ihren Namen. "Das geht nur mich und die ÖBB etwas an, das müssen Sie verstehen", wehrt sie wehmütig ab. Ein bisschen Zeit hat die etwa 40-jährige Frau noch. Der in den Fünfziger Jahren errichtete Doppelbahnhof für Züge nach Süd und Ost wird ja nicht morgen abgerissen, und die Räumung einer Trafik dauere ja nur ein paar Stunden. Im Idealfall soll der Kopfbahnhof der neuen 57 Hektar großen Bahnhof-City Ende 2008 weichen – vorausgesetzt, Baupläne, Kostenplanung und Umweltverträglichkeitsprüfung gehen ruck, zuck, wie sich ÖBB-Holding-Chef Martin Huber das wünscht.

Dass es die Bahn mit dem Neubau nicht erwarten kann, ist an allen Ecken und Enden des schachtelförmigen Gebäudes mit seinen drei Etagen, zahlreichen Treppen und Ausgängen deutlich sichtbar. Mehr als 40.000 Menschen passieren den Fernbahnhof täglich, das hinterlässt Spuren: die Mauern grau und schmutzig, der rotbraun-gekachelte Steinboden mit Granitplatten notdürftig ausgebessert, die Netze, vor Jahren als Schutz vor Tauben und ihrem Kot gespannt, zerrissen; die Fenster seit Jahren nicht geputzt, selbst die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge wurde abmontiert. "Heruntergekommen", bringt es ein Fahrgast auf den Punkt, "eine Schande!"

"Is eh schiach"

In diesem Ambiente muten die kleinen, von der Rolltreppe aus nicht mehr lesbaren digitalen blitzblauen Anzeigetafeln geradezu kosmisch an. Ein Geschäftslokal in der großen Halle ist bereits geschlossen. Beim Ausgang Richtung Straßenbahnlinie D stehen dutzende demolierte – oder von ihren Besitzern vergessene – Fahrräder.

"Jo, des wuins ollas wegreißen", bestätigt Herr K. vom Wagendienst bei den Südbahngleisen mit burgenländischem Akzent, "is eh schiach." So richtig glaubt aber auch der mit schwerem Werkzeug bewaffnete Außendienstmitarbeiter nicht daran: "Oba wissen S' eh, wer waß scho, ob des wirklich kummt. De do oben hob'n si scho vü ausdenkt und nix is passiert", meint er, mit der Hand geringschätzig Richtung Wienerberg fuchtelnd, dem ÖBB-Konzernsitz. Wie die Wagenreinigung am Matzleinsdorfer Platz künftig funktionieren soll, ist ihm schleierhaft. Vor allem im Winter, denn da müssten die Züge von den Lokführern vorgeheizt werden, "sunst g'friert jo ollas". Lokführer werde es dort aber keine geben.

Sicher keine Zukunft haben am neuen Bahnhof die um die original Wiener Würstelstation "Schlick Schlick" versammelten Stammgäste vor den Ostbahngleisen. "Die Wartehalle zum Aufwärmen wird uns abgehen", sagt einer wehmütig – und spült den Jammer mit einem großen Schluck aus der Bierdose hinunter. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2006)

  • Mehr als 40.000 Menschen passieren den Wiener Südbahnhof täglich, und das hinterlässt deutliche Spuren.
    foto: standard/andy urban

    Mehr als 40.000 Menschen passieren den Wiener Südbahnhof täglich, und das hinterlässt deutliche Spuren.

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