Interview: "Wirkung von Venensalben ist schlecht belegt"

25. Oktober 2006, 09:04
11 Postings

Venenmittel, Salben, Kompressionsmöglichkei­ten - Über die Behandlung von Venenschwäche spricht der Angiologe Berhard Partsch im derStandard.at-Interview

derStandard.at: Welchen Stellenwert haben Venenmittel in der Behandlung von Krampfadern?

Partsch: Venenmedikamente dienen in erster Linie der Behandlung der Symptome wie zum Beispiel Schwellungsneigung und Schweregefühl, die während des Tages zunehmen und gegen Abend besonders ausgeprägt sind – Gegen diese Beschwerden sind Venenmedikamente oft sehr gut wirksam. Das Nebenwirkungsprofil ist bei diesen Medikamenten besonders günstig, und auch Wechselwikrungen mit anderen Medikamenten sind selten. Die Vorstellung, dass sie gegen Krampfadern selbst wirken beziehungsweise die Progression aufhalten können ist wahrscheinlich etwas optimistisch.

derStandard.at Sind sämtliche Venenmittel pflanzlicher Herkunft? Welche gibt es?

Partsch: Die Mittel, die heute hauptsächlich verschrieben werden, sind pflanzlicher Herkunft. Gut untersucht sind Flavonoide (Pflanzeninhaltsstoffe), Rosskastanienextrakte und der Pflanzenwirkstoff Oxerutin. Beim roten Weinlaubextrakt hingegen ist zumindest die plazebokontrollierte studiendokumentierte Nachweisbarkeit nicht ganz so gegeben.

derStandard.at Was bewirken diese Mittel? Können auch Ödeme präventiv behandelt werden?

Partsch: Die Mittel bewirken in erster Linie eine Abdichtung der Gefäße, sind also ödemprotektiv. Manche bewirken eine Hemmung der Entzündungskaskade durch Hemmung des Durchtritts der Leukozyten aus dem Gefäß in das Gewebe und die darauf folgende Ausschüttung von Entzündungsmediatoren in das Gewebe. Weiters gibt es zumindest im Tierversuch Belege, dass es zu einer Engstellung der Venen und Lymphgefäße kommt und daraus eine Beschleunigung des Blutflusses sowie des Lymphtransports resultiert.

derStandard.at Was macht bei geschwollenen Beinen Sinn? – Kompressionsstrümpfe, Venenmittel oder beides?

Partsch: Kompression ist auf jeden Fall sinnvoll bei venösen Beinödemen sinnvoll. Einerseits zur Therapie und andererseits zur Vorbeugung. Auch durch das Tragen von Stützstrümpfen kann die Schwellungsneigung reduziert werden. Zusätzlich sind Venenmedikamente zur Unterstützung eine Möglichkeit, die besonders attraktiv während der warmen Jahreszeit ist. Manche Patienten können sich im Sommer die Stützstrümpfe durch eine kurweise Einnahme von Venenmedikamenten ersparen.

derStandard.at Kompressionsverbände, Kompressionsstrümpfe oder Stützstrümpfe – Was ist der Unterschied? Wann sollte man was verwenden?

Partsch: Stützstrümpfe sind die leichteste Art der Kompressionstherapie, da sie von der Krankenkasse nicht refundiert werden, muss man sie selbst bezahlen. Bei geringen Beschwerden sind diese sicher ausreichend. Je stärker die Beschwerden sind, desto stärker sollte auch die Kompression sein. Kompressionsstrümpfe üben analog zur Kompressionsklasse (Klasse I-IV) einen höheren Druck aus. Die Wirkung von Kompressionsverbänden wiederum ist abhängig vom Anlagedruck. Hier sind sehr hohe Kompressionen möglich. Aber die Applikation dieser Verbände muss gelernt werden, man kann sie als Patient nicht selber machen – einen Kompressionsstrumpf kann der Patient selbst anziehen.

derStandard.at Was tut den Beinen prophylaktisch gut? Es gibt zum Beispiel die SSS- und LLL-Regel: Sitzen und Stehen ist schlecht, lieber Liegen oder Laufen.

Partsch: Das beschreibt die tageszeitliche Tätigkeiten, die gut und weniger gut sind. Zusätzlich wissen wir, dass hohe Absätze bei den Damenschuhen nicht gut sind, da sie die Springgelenkspumpe inaktivieren. Gut hingegen ist jede Art von Bewegung und auch Kneippen und Wechselduschen sind sehr ratsam. Es spricht auch grundsätzlich nichts gegen einen Saunabesuch, lieber in die Sauna gehen und danach kalt duschen als langes Liegen im Thermalwasser, wodurch bei den meisten Patienten Beschwerden auftreten.

derStandard.at Inwieweit wirkt sich das eigene Körpergewicht auf die Venen aus?

Partsch: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Varizenhäufigkeit ebenso wie den Spätkomplikationen von Krampfadern wie venöse Beingeschwüre. Und auch zwischen Gewicht und Beingeschwüren. Das heißt, je weniger Gewicht man hat, desto besser ist es für die Venen.

derStandard.at Was begünstigt eine Krampfadernbildung? Welchen Einfluss hat zum Beispiel das Tragen schwerer Lasten oder enge Kleidung?

Partsch: Neben der sitzenden, stehenden Tätigkeit sind Schwangerschaften ein weiterer Faktor, der das Auftreten von Varizen begünstigt. Auch Hormontherapie, sei es durch die Pille oder Hormonersatztherapie nach dem Wechsel kann dazu beitragen. Aber die Veranlagung spielt sicher eine große Rolle, weil wir wissen, dass rund 15 Prozent der Jugendlichen bereits Krampfadern in verschiedenen Ausprägungen haben.

Das Tragen von enger Kleidung wird wahrscheinlich überbewertet. Beim Tragen schwerer Lasten ist der erhöhte Druck im Bauchraum nicht ideal. Der einzige Sport, der nicht ideal ist, ist Gewichtheben

derStandard.at Wie sieht eine venenentlastende Sitzposition aus?

Partsch: Ideal ist es, die Beine möglichst hoch zu lagern. Zweitens sollte man die Sitzposition möglichst oft wechseln. Das ist auch für die gesamte Wirbelsäule gut. Häufiges Aufstehen und Gehen oder regelmäßige Bewegung im Sprunggelenk wären wichtig. Je spitzer der Winkel sowohl in der Hüfte als auch im Knie, desto mehr werden die Venen abgeknickt und desto schlechter ist der mechanische Abfluss.

derStandard.at Welche Rolle spielen Lifestylefaktoren wie Alkohol und Nikotin?

Partsch: Nikotin spielt eine große Rolle bei den Arterien, bei den Venen ist das bis jetzt nicht sehr gut belegt. Beim Alkohol gibt es in Bezug auf Venenerkrankungen wenige Daten.

derStandard.at Helfen bei bestehenden Besenreisern Bürstenmassagen?

Partsch: Die mechanische Genese von Besenreisern ist auch nicht sehr gut belegt. Es ist mehr die Veranlagung, die dazu führt, dass man Besenreiser entwickelt. Als Therapie sind Bürstenmassagen ungeeignet.

derStandard.at Was kann man bei geschwollenen Beinen tun?

Partsch: Beine hoch lagern, Kneippen, durchaus etwas festere Strümpfe tragen, wobei ich Stützstrümpfen beginnen würde. Wichtig ist auch viel Bewegung, die helfen kann, dass die Schwellung wieder abklingt.

derStandard.at Wie wirken Venensalben? Wie sinnvoll ist ihr Einsatz?

Partsch: Die Patienten schätzen Venensalben sehr. Die Wirkung ist aber extrem schlecht belegt. Es gibt keine Beweise, dass die Wirkstoffe wirklich in ausreichender Dosis zu den Gefäßen gelangen, um dort überhaupt wirken zu können. Die Salben dürften in erster Linie vorwiegend durch den Massageeffekt wirken. Venengele sind außerdem angenehm kühlend beim Auftragen. (Das Interview führte Marietta Türk)

Zur Person

Dr. Bernhard Partsch ist Facharzt für Angiologie in Wien und hat an zahlreichen Publikationen zu Venenerkrankungen mitgearbeitet. Er hat auch eine Ausbildung zum Facharzt für Dermatologie und Venerologie.

Siehe

Der Krampf mit den Adern
Konservativ oder Operativ

  • Angiologe Bernhard Partsch
    foto: partsch

    Angiologe Bernhard Partsch

Share if you care.