STANDARD-Publikumsjury zeichnet "Balordi" aus

24. Oktober 2006, 19:13
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Dokumentarfilm von Mirjam Kubescha portätiert Insassen des italienischen Hoch­sicherheitsgefängnisses Volterra

Wien - Der Preis der STANDARD-Leserjury geht 2006 an den Dokumentarfilm "Balordi" der deutschen Filmemacherin Mirjam Kubescha. Der Film zeigt eine Häftlingstheatertruppe, die Bert Brechts Dreigroschenoper aufführt.

Mit lobenden Erwähnungen bedacht wurden Glue von Alexis Dos Santos (Argentinien) und Man Push Cart von Ramin Bahrani (USA).

Zum Film

Mitten in der malerischen Landschaft der Toskana liegt eines der am besten bewachten Gefängnisse Italiens. Dieses bildet den Hintergrund für eine Aufführung von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper", die hier von den Insassen auf höchst eigenwillige Weise selbst inszeniert wird. Die Absicht dahinter ist die, dass sich die Gefangenen auf der Bühne in einer völlig anderen Rolle präsentieren können. Mirjam Kubeschas präzise Beobachtung der beiden unterschiedlichen Welten vermittelt den Eindruck, als würde man in Balordi auch zwei verschiedene Filme zu sehen bekommen: jenen über den harten Gefängnisalltag und einen anderen über fröhliche, für eine Theateraufführung verkleidete Menschen.

Der scheinbare Bruch zwischen Realität und Fiktion, zwischen dem Alltag in der Zelle und dem Schauspiel auf der Theaterbühne, beginnt sich im Laufe des Films jedoch zu schließen: Ein Gefangener beginnt, während er dick geschminkt auf seinen Auftritt wartet, von Kalaschnikows zu erzählen; Berichte aus der Isolationshaft tauchen hier ebenso auf wie Erzählungen aus der Kindheit, und die familiären und sozialen Hintergründe der einzelnen Gefangenen treten langsam aber sicher immer klarer zu Tage. Die Ausschnitte aus den Theaterproben, geprägt von Kurt Weills sozialkritischen Songs aus der 'Dreigroschenoper' und den erotischen Tanzschritten, werden somit - wie die Erzählungen und Erinnerungen der Männer - selbst zu einem Teil eines größeren Ganzen, das sich erst am Ende zusammen findet.

Mirjam Kubescha

Geboren 1971 in Gießen. Italienisch-Studium in Perugia. Studiert bis 1996 Filmwissenschaften an der Sorbonne Nouvelle in Paris, anschließend Studium der Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. 1997 gründet sie ihre eigene Produktionsfirma Confine Film. 2003 dreht sie mit Germanija ihren Abschlussfilm an der HFF München. Lebt seit 2002 in Italien. Weitere Filme: Inside the Boxes (1997, KF), Schwestern (1999, KF), Ecce Homo (2001). (red)

  • DrehbuchMirjam Kubescha
  • Kamera Sophie Maintigneux, Pawel Sobczyk
  • Schnitt Mirjam Kubescha
  • Ton Michael Vetter
  • Produktion Confinefilm
    Donnersbergerstraße 51 80634 München, Deutschland
  • Weltvertrieb Confinefilm


  • 35 mm/1:1,37/Farbe
    iOmeU
    80 Minuten
    • Balordi / Hoodlum (iOmeU) 
Regie: Mirjam Kubescha (D/I 2005)
      foto: viennale

      Balordi / Hoodlum (iOmeU)
      Regie: Mirjam Kubescha (D/I 2005)

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