Pressestimmen: "Geschändetes Fest"

30. Oktober 2006, 18:39
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Ungarische Zeitungen über die Ausschreitungen am 50. Jahrestag der Ungarn-Revolution

Budapest - Die ungarischen Tageszeitungen beschäftigen sich am Dienstag auf Titelseiten und langen Sonderstrecken mit den Ausschreitungen auf den Budapester Straßen am Rande der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der Ungarn-Revolution 1956.

"Nepszabadsag" (linksliberal): "Die organisierte Würde, die organisierte Gegen-Würde und die organisierte Unwürdigkeit hat gestern die Straßen und Plätze von Budapest überschwemmt. Das Niederlegen der weißen Rosen am Vormittag war noch schön. Dann kamen die Feiern ohne Volk und das Volk ohne Feiern. Und all dies erhielt seinen milden Rahmen durch Straßenkämpfe ohne jede Glorie. Wenn wir von den Ereignissen den Schleier vom 23. Oktober ablösen, sehen wird nichts anderes, als die nackte Wirklichkeit des politischen Kampfes, die Legitimationsbestrebungen, den Krieg um die Seelen. (...)

Im politischen Ring haben beide Boxer (die gegenüberstehenden politischen Blöcke, Anm.) den Richter davon versichert, dass sie den Kampf fortsetzen können. Nach Punkten liegen sie mehr oder weniger gleichauf, mal hat der eine einen kleine Vorteil, mal der andere. Wir sind zwar nicht mehr dort, wo wir am Anfang waren, denn nach der siebten Runde tut's an vielen Stellen weh - allerdings hat da auch das Adrenalin gerade ein Hoch. Und was daraus wird, das scheint sich weder im Ring, noch auf der Zuschauertribüne irgendwer zu fragen."

"Magyar Hirlap" (liberal) zum Vorschlag von Oppositionschef Viktor Orban über eine "Reform-Volksabstimmung": Das gilt tasächlich als demokratische Lösung, doch wir können auch keine Zweifel darüber haben, dass die vier Beine des Trojanischen Pferdes der Volksabstimmung nur ein Ziel tragen: die "demokratische" Vorbereitung des Machtwechsels. Wenn man schon die Kommunalwahlen nicht als Volksgericht darstellen konnte, dann wird hierfür schon die 'Reform-Volksabstimmung' geeignet sein. Obwohl man weder mit dem Ergebnis einer Kommunalwahl, noch mit einer Volksabstimmung direkt einen Machtwechsel herbeiführen kann. (...)

Alles politischen Kräfte hätten am Feiertag für einen Augenblick der nüchternen Einkehr innehalten müssen. Leider haben sie dies verpasst. In seiner Rede hat Viktor Orban seinen Rivalen (Regierungschef Ferenc Gyurcsany, Anm.) gewarnt, dass jemand, der die Heimat mehr liebt als die Macht, abtritt. Er hatte noch einen Satz, und dies würden wir auch ihm ans Herz legen: Die Parteien sind wichtig, aber das Land ist noch wichtiger."

"Nepszava" (linksliberal) titelt mit "Geschändetes Fest" und schreibt: Vermutlich wusste Viktor Orban (Chef der größten Oppositionspartei Fidesz-Ungarischer Bürgerverband, Anm.), als er seine Rede begann, was einige Hundert Meter weiter passierte. Der Chef der Opposition hatte vermutlich genaue Informationen darüber, dass zwischen den Demonstranten und der Polizei Straßenkämpfe im Gange waren, dass die Ereignisse einen radikalen Kurs genommen hatten, die Ungarn für lange Zeit aus der Reihe der friedlichen, demokratischen europäischen Länder ausschließen könnte. (...)

Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass Orban improvisiert hat; es ist unwahrscheinlich, dass er mit denen gerechnet hat, die synchron mit ihm randalierten, aber er wusste sicher: er muss eine friedliche Lösung finden. Und das hat er getan. Es lohnt sich jetzt nicht, zu analysieren, dass die auf der Großveranstaltung angebotene demokratische Lösung, die Volksabstimmung, eine gescheite und durchführbare Idee ist; (...). Seien wir zufrieden damit, dass damals und dort, am 23. Oktober bei der Astoria (Hotel in der Budapester Innenstadt, Anm.), Viktor Orban erneut seine ernst zu nehmenden politischen Tugenden bewiesen hat."

"Magyar Nemzet" (rechtskonservativ, oppositionsnah) titelt hingegen "Polizeiterror am Jahrestag von 1956": "Gestern hat sich erneut bewahrheitet, dass ein Polizeistaat, staatlicher Terror nach Ungarn gezogen ist, dass die Macht Angst vor ihren eigenen Bürgern hat, und sich nur hinter Paravents und Sicherheitsglas, mit der Sicherung durch Heckenschützen und Polizisten mit Schildern zu "feiern" traut. (...) Was hat sich seit 1956 geändert?, können wir fragen; und ich leihe mir von einem der gestrigen Demonstranten die Antwort, der so formuliert hatte: im Verhältnis zwischen Bürgern und Regierung ist heute der einzige Unterschied zwischen jenem von vor fünfzig Jahren, dass heute vielleicht die Russen nicht mehr einmarschieren werden."

"Blikk" (Boulevardblatt) schreibt im Titel "Straßenkämpfe am Feiertag der Nation!": "Jeder soll die Verantwortung dafür übernehmen, dass er auf Budapests Straßen die Emotionen so losgehen hat lassen; dass während der Eingrenzung des Mobs auch friedliche Feiernde, Demonstrierende etwas mit dem Schlagstock abbekamen, dass man sie mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserwerfern beschoss! Sie sollen die Verantwortung dafür übernehmen, dass '56 noch lange nicht seinen würdigen Platz unter unseren Feiertagen einnehmen kann! Wer seid Ihr, dass Ihr so mit Emotionen zu spielen wagt, dass Ihr so die Leidenschaften anzustacheln wagt, um Euch dann den Staub von der Hand zu klopfen und Euch zurückzulehnen? (...) Ihr schämt Euch nicht. Wir werden uns aber für Euch schämen." (APA)

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