Am Land, im Dorf, in China

23. Oktober 2006, 21:45
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Jeder siebte Mensch lebt in einem chinesischen Dorf: Aus dem Hinterland der aufsteigenden Supermacht erzählen die Dokumentarfilmerinnen Elke Groen und Ina Ivanceanu

Das 21. Jahrhundert wird Chinas Jahrhundert sein, sagt man. Die turbokapitalistische Volksrepublik wird zur nächsten Supermacht aufsteigen, heißt es. Die dazu passenden Bilder zeigen die glitzernden Megastädte der Küste, die Segel von kapitalistischen Wirbelwinden geschwellt. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

"Jeder siebte Mensch", zwei Drittel aller Chinesinnen und Chinesen leben in Dörfern auf dem Land, sie sind die Bauern und Bäuerinnen, die das weitläufige, unüberschaubare Hinterland der Supermacht pflügen, bestellen, abernten, und das Wirtschaftswunder der Metropolen ernähren.

Elke Groen und Ina Ivanceanu haben ebendieses abseitige China bereist und einen hochinteressanten Reisebericht in Filmform daraus gemacht. Jeder siebte Mensch zeigt eine soziale, politische, wirtschaftliche Landschaft, in der sich vorsintflutliche Traktoren mit Pferdewagen abwechseln, die Felder mit von Ochsen gezogenen Pflüge bestellt werden, und Mais- und Reisbauern während der Arbeit ihre Lieder singen.

Gemeindevorsteher sieht man hier, die in die Geheimnisse kommunistischer Auszeichnungen einführen, Frauen, die von ihrem Leben und vom großen Hunger erzählen. Schließlich Kinder, deren Lachen dem anderswo gleicht.

Es wird gesät, gepflügt, geackert, doch auch in diesen Dörfern hält der Umbruch Einzug: Stolz zeigt ein Gemeindevorsteher auf eine Baustelle, es ist "das erste Mal, dass jemand in unser Dorf investiert!" In einem anderen Dorf dürfen nach fünfzigjährigem Verbot seit 1999 die traditionelle Sprache, Schrift und Naturreligion wieder ausgeübt werden. Und überall muss sich Erfindungsgeist mit Schinderei paaren, um in mageren Zeiten ein Zubrot zu verdienen.

Ivanceanu und Groen, die bereits für Bunica (2005) zusammengearbeitet haben, zeigen das Leben dreier solcher Dörfer. Gegenüber dem hektischen Lärmen der Städte lässt sich der Film ein auf das Tempo der Pferdewagen, auf die Geschwindigkeit, mit der jemand ein großes Bündel Garben trägt, oder den Takt der Lieder, welche die Bauern bei der Feldarbeit singen. So ist ein Reisebericht entstanden, bei dem die Reisenden sich Zeit lassen - sich und den Menschen, denen sie begegnen.

Man kann zusehen, wie ein Maiskolben geschält wird, Blatt für Blatt, wie eine komplizierte Geburtentabelle entziffert, eine Ehe auf den Punkt gebracht wird. Es dauert, bis jemand erzählt, währenddessen wird gekocht, gearbeitet, gelacht.

Dann ergreifen die Gefilmten die Kamera, und steuern ihren eigenen Beitrag bei, sie filmen ihr Haus, die gerade gepflügte Linie, eine Blume am Feldrand.

Wie ein Leitfaden ziehen sich Inschriften durch den Film, Tazebaos, beschriftete Fahnen und Wandmalereien, die mit blumigen Parolen, Anfeuerungen oder Glückwünschen das Gesehene kommentieren. Insgesamt der Idealfall eines Reiseberichts in Filmform. (Pepe Egger/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • Säen, pflügen, ernten, zugleich in der Fabrik schuften, Kinder großziehen und am Wochenende Lkw-fahren: Chinesische DorfbewohnerInnen erzählen in "Jeder siebte Mensch". 24. 10., Urania, 18.30
    foto: viennale

    Säen, pflügen, ernten, zugleich in der Fabrik schuften, Kinder großziehen und am Wochenende Lkw-fahren: Chinesische DorfbewohnerInnen erzählen in "Jeder siebte Mensch".
    24. 10., Urania, 18.30

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