Verlassen und entehrt

23. Oktober 2006, 21:57
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Der iranische Regisseur Maziar Miri begleitet in "Gradually..." einen Mann auf der Suche nach seiner Frau und entwirft dabei das Bild einer unsolidarischen Gesellschaft

Die schlechte Nachricht ist kryptisch formuliert. Mahmoud (Mohammad-Reza Foroutan), Eisenbahnarbeiter in der Provinz, soll unvermittelt zurück nach Teheran kommen, da seine Frau Pari erkrankt ist. Was genau geschehen ist, erfährt er nicht. Das wird im zweitem Spielfilm des Iraners Maziar Miri, Gradually... (Be Ahestegi...), auch eine ganze Weile so bleiben. Der Protagonist laboriert an einem Wissensdefizit. Anstatt der Wahrheit näher zu kommen, akkumuliert er bloß Gerüchte. Es heißt, seine Frau habe ihn verlassen: In der iranischen Gesellschaft bringt dies Schande über die ganze Familie.

Mahmouds Suche nach Pari strukturiert das weitere Geschehen des Films. Maziar Miri geht es dabei nicht so sehr darum, mit dem mysteriösen Verschwinden der Frau Spannung zu generieren, vielmehr versucht er, Einblicke in bürokratische Abläufe und soziale Dynamiken zu schaffen. Mahmoud kann auf keine Hilfe hoffen, da der Makel des Verlassenen an ihm haftet. Seine Familie will nichts von ihm wissen, und die Nachbarn zerreißen sich das Maul über ihn, da sie mehr als er zu wissen meinen.

In seinem Außenseitertum in der Not erinnert Mahmoud an andere jüngere Figuren des iranischen Kinos wie den Pizzabote aus Jafar Panahis Crimson Gold. Wie dieser bleibt er in seinen Handlungen ganz auf sich allein gestellt und gerät gerade darum zum Symbol einer unsolidarischen Gesellschaft, die sich von den Idealen der Revolution weit entfernt hat. Die offiziellen Stellen halten sich penibel an ihre Vorschriften und hinterfragen Mahmouds Angaben anstatt ihnen nachzugehen. Jeder Schritt bringt neue Hindernisse mit sich. Die Identifizierung einer Leiche gleicht einem kafkaesken Unterfangen, weil Männern der Zutritt in den Schauraum versagt ist. Nebenbei erfährt man, wie viele Frauen pro Tag ermordet werden.

Krawall im Regen

Stilistisch weicht Miri, der zur jüngeren Generation iranischer Filmemacher gehört, vom oftmals als neorealistisch apostrophierten Zugang älterer Regiekollegen ab. Er filmt bevorzugt in starren Einstellungen, mit viel Augenmerk auf die misé-en-scène. Das Farbarrangement von Gradually... ist düster wie die Verfassung des Helden. In der Nacht, in der er endlich seinen Onkel aufspürt und in seiner Verzweiflung Krawall schlägt, regnet es in Strömen.

Mahmoud bleibt schließlich nicht mehr als sein Vertrauen auf Gott. Es gelingt ihm nicht, sich ein eigenes Bild vom Verbleib seiner Frau zu machen - zu prägend sind nämlich die Vorstellungen, die permanent an ihn weiter gereicht werden. Die Gegenansicht, die Miri in einer überraschenden Wendung am Ende bereit hält, könnte alles, was an Mutmaßungen kursiert, in ein neues Licht rücken. Aber sie wird von zwei Einstellungen umrahmt, die vollkommen schwarz sind. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • 24. 10., Gartenbau, 13.00; Wh.: 25. 10., Metro 21.00
    foto: viennale

    24. 10., Gartenbau, 13.00; Wh.: 25. 10., Metro 21.00

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