Zeit der Konflikte

23. Oktober 2006, 21:26
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Ungeordnete Beziehungen unter dem Deckmantel traditioneller Verhältnisse beobachtet der philippinische Regisseur Brillante Mendoza in seinem zweiten Spielfilm "Kaleldo"

Grace und Conrad sind ein schönes Paar. Die dritte Tochter des alten Holzschnitzers Mang Rudy hat ihren Ehemann in einem Computergeschäft kennen gelernt. Nun kommt sie endlich unter die Haube, und eine Familie, in der nicht alles rund läuft, könnte sich zumindest einen Tag lang den Anschein der Ordnung geben.

Wer jedoch, wie Brillante Mendoza in seinem Film Kaleldo (Summer Heat), genau hinschaut, sieht schon die Bruchlinien. Da ist die Schwiegermutter, die ihrem Sohn während des Banketts heimlich eine eigens mitgebrachte Portion seines Lieblingsgerichts zusteckt - der arme Junge könnte ja sonst das Gefühl bekommen, von den Fleischtöpfen vertrieben zu werden. Da ist Mang Rudys älteste Tochter Jesusa, genannt Jess, die mit ihren Freundin gekommen ist und kein Hehl daraus macht, dass sie für Männer nicht heiratsfähig ist.

Nach der Hochzeit setzt ein Tauziehen zwischen den Familien von Grace und Conrad ein. Eigentlich soll das Paar im Haus des Vaters der Frau leben, aber Conrad verbringt immer noch viel Zeit bei seinen Eltern, und Grace verschwindet immer wieder einmal mit unbekanntem Ziel.

Die ungeordneten Beziehungen unter dem Deckmantel traditioneller Verhältnisse sind das Thema von Kaleldo. Brillante Mendoza, im Vorjahr mit The Masseur im Viennale-Programm vertreten, folgt in seinem zweiten Spielfilm einem Plot, der den Verwicklungen einer Daily Soap (und deren Strategien der Zuspitzung) nicht unähnlich ist. Ehedramen und Autoritätskonflikte stehen im Mittelpunkt, dazu kommen die Fragen des wirtschaftlichen Auskommens. Die virile Jess hält in jeder Hinsicht das Haus zusammen. Sie pflegt den zunehmend anfälligeren Vater, und liest den beiden leichtlebigen Schwestern die Leviten.

Gruppendynamik

Kaleldo deutet auch mit seiner Kapitelstruktur eine Nähe zum episodischen, seriellen Erzählen an. Es geht nicht um ein Drama, das am Ende kathartisch gelöst wird, sondern um das individuelle Verhältnis zur chronologischen Zeit von Geburt, Heirat, Tod und der Abfolge der Generationen. In der Geliebten von Jess findet ihre Familie schließlich eine Figur, an der sie ihre Frustrationen abreagieren können. Sie wird aus dem Haus geekelt, zurück bleibt eine deutlich reduzierte und im Grunde vollkommen gescheiterte Kleingruppe.

Brillante Mendoza spielt mit dem Titel seines Films darauf an, dass der Sommer die Zeit der Konflikte ist. Die Hitze ist eine Metapher für die Enge des sozialen Lebens auf den Philippinen. Familie wird als repressives System auf Dauer gesetzt, wenn auch der wirtschaftliche Aufstieg über die Heiratspolitik verläuft.

Kaleldo bleibt in hohem Maß widersprüchlich: ein materialistisches Melodram, ein feministisches Rührstück, ein regressives Opferdrama gehen hier ineinander über. (Bert Rebhandl /DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • Eine, die anpackt und den Haushalt zusammenhält: Jess aus Mendozas Familienmelo "Kaleldo".24. 10. Künstlerhaus, 18.00
    foto: viennale

    Eine, die anpackt und den Haushalt zusammenhält: Jess aus Mendozas Familienmelo "Kaleldo".
    24. 10. Künstlerhaus, 18.00

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