Der letzte Vorhang fällt versöhnlich

23. Oktober 2006, 21:18
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US-Regisseur Robert Altman erweist mit "A Prairie Home Companion" einer legendären Radiosendung seine Reverenz. Eine großartige Meryl Streep und andere verdiente Akteure unterstützen ihn dabei.

Als straighter Geschichtenerzähler wollte er nie fungieren. Er betrachte, hat Robert Altman stattdessen festgehalten, den Film als der Malerei (oder einem Musikstück) näher stehend. Und so setzt er auch in seiner jüngsten Arbeit dichte, sorgfältig ausgestaltete Bilder wie oben stehendes auf die Leinwand: ein Garderobenraum voller Erinnerungsstücke; die zwei hinterbliebenen Mitglieder eines Schwestern-Gesangsquartetts (und eine hoffnungsvolle Vertreterin der nächsten Generation) hängen dort zwischen ihren Auftritten der Vergangenheit nach. Der Blick des Zuschauers kann währenddessen all die vielsagenden Details aufnehmen, in denen die Anekdoten und Erinnerungen ebenso aufgehoben sind, wie im Bewusstsein der Johnson Sisters.

Nicht nur Yolanda (Meryl Streep) und Rhonda (Lily Tomlin) scheinen einer anderen Ära zu entstammen. A Prairie Home Companion ist insgesamt ein altmodisch wirkender Film. Nahe an der Nostalgie, aber dann doch viel zu gewitzt, um sich mit einfachen Fluchten in die gute alte Zeit zu begnügen.

Der Titel des Films ist auch der Name jener legendären Radiosendung, die ein Mann namens Garrison Keillor seit Mitte der 1970er-Jahre von St. Paul, Minnesota, aus verbreitet. Für den Film hat sich Keillor eine "letzte Show" ausgedacht, bei der er höchstpersönlich als Gastgeber fungiert.

Diese Show ist der Inhalt des Films, der sich um rund ein Dutzend Mitwirkender entfaltet. Eine fiktive Figur aus Keillors Programm, Guy Noir (Kevin Kline), wacht als Sicherheitsbeauftragter über ihr Wohl und Wehe. Eine mysteriöse Frau (Virginia Madsen) streift durch das alte Theater, aus dem die Sendung übertragen wird. Die kleine Arbeitsfamilie, der neben Streep und Tomlin auch Woody Harrelson, John C. Reilly oder L.Q. Jones angehören, geht derweil ihren Unterhaltungsroutinen nach. Was wiederum dem Filmpublikum herzerwärmende oder gnadenlos komische Gesangseinlagen und live intonierte Werbeeinschaltungen beschert.

Dazwischen geht es ums Älterwerden - und ums Sterben. Allerdings ist es ein glücklicher Tod, der einen altgedienten Prairie-Home-Companion-Mitstreiter während der Sendung in seiner Garderobe ereilt. Nachruf von der Bühne bekommt er keinen: "Ich bin in einem Alter, in dem ich nur noch Nachrufe halten würde, wenn ich einmal damit anfinge", sagt der Show-Host trocken.

US-Regisseur Altman, inzwischen selbst immerhin 81 Jahre alt, gilt als ein Meister des Ensemblefilms. Vielleicht hat er sich sein Gespür für die Inszenierung von Kollektiven bereits ganz zu Beginn seiner Karriere, Anfang der 50er-Jahre in seiner Heimatstadt Kansas City erworben, mit den Sportdokus, die er damals neben Schulungs- oder Industriefilmen drehte.

Zuvor war ein erster Versuch, nach Kriegsende in Hollywood Fuß zu fassen, gescheitert. Erst 1956 kehrte Altman als Regisseur für Alfred Hitchcock Presents nach Kalifornien zurück. Er inszenierte bis in die 60er- Jahre hauptsächlich TV-Serien, bevor er neben Kollegen wie Arthur Penn oder Sam Peckinpah vom Fernsehen kommend, zu einem maßgeblichen Vertreter jenes New Hollywood wurde, mit dem eine neue Generation von Filmemachern dem US-Kino der 60er- und 70er-Jahre ganz entscheidende frische Impulse gab.

Gleich Altmans dritter Film, die Kriegssatire MASH (1970), wurde auch sein bis heute kommerziell erfolgreichster (und brachte seinem Regisseur eine von insgesamt fünf Oscar-Nominierungen ein). Zugleich etablierte Altman damit jenes vielstimmige, offene, fragmentarische Erzählen, das bei der Kritik weltweit für Anerkennung, beim Publikum jedoch oft auch für Irritationen und Ablehnung sorgte.

Altmans Filme - rund drei Dutzend hat er bis dato alleine fürs Kino gedreht - funktionieren als bewegte Panoramen mit bis zu 40 Sprechrollen. Es geht dabei - von Nashville (1975) bis Dr.T and The Women (2000) oder zuletzt The Company (2003) - weniger um eine dramatische Handlungsabfolge, als vielmehr um das Auffächern von gesellschaftlichen Milieus oder Arbeitszusammenhängen.

In diesem Sinne kann man A Prairie Home Companion auch als Altmans Reminiszenz ans eigene Oeuvre lesen. Die letzte Show geht zu Ende, aber für immer aufhören bedeutet das noch lange nicht - der perfekte Abschlussfilm nach zwölf Viennale-Tagen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • A Prairie Home Companion Gartenbaukino, 25. 10., 19.30 (mit Einladung)Wh: 23.00
    foto: polyfilm

    A Prairie Home Companion
    Gartenbaukino, 25. 10., 19.30 (mit Einladung)
    Wh: 23.00

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