"Nagy war Aufgabe nicht gewachsen"

1. Februar 2007, 17:25
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US-Politologe Charles Gati im STANDARD-Interview: Den Führern der Revolution von 1956 fehlte die Reife

Der US-Politologe Charles Gati glaubt, dass die Revolution von 1956 in Ungarn auch hätte erfolgreich sein können. Den politischen Führern fehlte die Reife, sagte er zu Gregor Mayer in Warschau.

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STANDARD: Sie kratzen mit Ihrem Buch "Failed Illusions" (Gescheiterte Illusuionen) am Mythos Imre Nagy. War der Premier der Revolution von 1956 doch kein Held?

Gati: Für mich war er 1957 und 1958 ein Held, als er nach Rumänien verschleppt und dann nach Ungarn zurückgebracht wurde, um seinen schrecklichen Verhörern gegenüberzustehen und dann dem so genannten Gericht, das das Urteil von János Kádár zugestellt bekam. Aber ich betrachte auch seine erste Amtszeit als Premier, 1953-1955, als beispielhaft, als er den in Ungarn wütenden Terror in gewissem Maße eindämmte.

STANDARD: In der Revolution hätte er hingegen versagt? Gati: Da gebe ich ihm keine guten Noten. Er war der Aufgabe nicht gewachsen.

STANDARD: Warum nicht?

Gati: Zunächst einmal hat er in den ersten vier Tagen die Revolution nicht unterstützt. Und dann, in den letzten vier Tagen der Revolution, unterstützte er jede der radikalen Forderungen der jungen Aufständischen, obwohl er hätte wissen müssen, dass diese Forderungen unter keinen Umständen von der Sowjetunion akzeptiert worden wären. Das schließt die Neutralität ein, den Austritt aus dem Warschauer Pakt, die Einführung eines völlig freien Mehrparteiensystems.

STANDARD: Die Aufständischen ließen ihm mit ihrem Kampf wohl keine andere Wahl ...

Gati: Das ist ja mein Punkt: Während die Aufständischen nicht an die richtige Taktik zu denken vermochten, so wäre doch von Imre Nagy und den anderen Führern eine gewisse Reife zu erwarten gewesen. Ein Held zu sein ist eine gute Eigenschaft; ein Held mit Weisheit zu sein ist eine außerordentliche Eigenschaft.

STANDARD: Glauben Sie, dass man eine Revolution einfach stoppen kann?

Gati: Wenn Imre Nagy sich am 23. Oktober auf die Seite der Revolution gestellt hätte, anstelle sie abzulehnen, wenn er in seiner ersten Rede vor den Studenten - und ich war einer von ihnen - sie nicht mit "Genossen!" angesprochen hätte, worauf wir alle antworteten, "Wir sind keine Genossen mehr!", und wenn er damals anstattdessen gesagt hätte, "Bitte vertraut mir, ich gehe hinüber zum KP-Hauptquartier, und ich werde mein Bestes tun. Werdet ihr mich unterstützen?" - 200.000 Menschen hätten ihn dort auf der Stelle unterstützt. Es kann sein, dass die Chance in dieser ersten Nacht verspielt wurde.

STANDARD: Imre Nagy hätte also in den ersten Stunden die Führung an sich reißen und nicht darauf warten sollen, bis ihn die Alt-Stalinisten ranließen?

Gati: Er war der Aufgabe nicht gewachsen. Er war kein gewachsener Politiker. Er war ein Moskowiter, früherer NKWD-Informant.

STANDARD: Er hatte nur ein sehr kleines Zeitfenster ...

Gati: Der definitive Beweis für meine Behauptung ist, dass die sowjetische Führung am 30. Oktober einhellig beschloss, in Ungarn nicht militärisch zu intervenieren und nach einer politischen Lösung zu suchen. Ich verstehe nicht, warum die Menschen bezweifeln, dass es in der Geschichte Alternativen gibt. Nicht alles, was passiert ist, hätte passieren müssen. Führer können die Geschichte formen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • Zur Person Charles Gati, geboren 1934 in Budapest, emigrierte nach der Niederschlagung des Volksaufstands in die USA. Er ist Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen an der Johns-Hopkins-Universität in Washington. Sein Buch "Failed Illusions" erschien bei Stanford University Press.
    foto: gregor mayer

    Zur Person

    Charles Gati, geboren 1934 in Budapest, emigrierte nach der Niederschlagung des Volksaufstands in die USA. Er ist Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen an der Johns-Hopkins-Universität in Washington. Sein Buch "Failed Illusions" erschien bei Stanford University Press.

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