Wo Fußball nicht Stadt findet

26. November 2006, 19:24
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Rapid, Austria, Sturm, GAK: die Wiener und Grazer Klubs waren in der vergangenen Dekade allesamt Meister - jetzt haben sie Probleme

Wien - Ried ist die große, weil kleine Ausnahme. Allein Ried steht in der T-Mobile Bundesliga in etwa so übel da wie Wien und Graz. Ried allerdings ist immer Ried gewesen und wird Ried immer bleiben. Während de facto diese vier Klubs die Meistertitel der vergangenen zehn Jahre untereinander aufgeteilt haben: Rapid (1996, 2005), Austria (2003, 2006), Sturm (1998, '99), GAK (2004). Die Erfolge von SV Salzburg (1997) und FC Tirol (2000, '01, '02) sind insofern nicht mehr wahr, als diese Klubs quasi längst Geschichte sind.

Der FC Tirol war mit anerkannten Gläubigerforderungen von 30 Millionen Euro der größte Sportkonkursfall Österreichs, Nachfolger Wacker Tirol musste sich aus der Regionalliga hinauf dienen. Auch SV Austria Salzburg steuerte aufs finanzielle Desaster zu, als Dietrich Mateschitz, je nach Blickwinkel, rettend oder zerstörend eingriff. Der Traditionsklub SV grundelt in der 2. Klasse Nord A herum, dafür gibt's jetzt Red Bull Salzburg, und Red Bull wird Meister, das steht fest.

Wien und Graz aber spielen auf der Fußball-Landkarte kaum noch eine Rolle. Die Austria ist auf bestem Wege, Historisches zu schaffen und als erster Meister im folgenden Spieljahr abzusteigen. Frank Stronach hat zunächst kolportierte 100 Millionen Euro investiert, den Großteil davon in Spieler, die viel kosteten und wenig brachten. Dann drehte Stronach, bei vielen Fans unbeliebt, den Geldhahn ab. Die Austria ging vieler Leistungsträger verlustig, der Sessel von Trainer Frenkie Schinkels hörte gestern quasi zu wackeln auf. Jetzt sitzt just Ex-Rapid-Trainer Georg Zellhofer auf diesem Sessel - der 22. Austria-Betreuerwechsel seit 1990 und der 14., seit Stronach mitmischt ('98). Neben Schinkels, der im Mai 2005 angetreten ist und zwei Cupsiege sowie den Meistertitel 2006 holte, muss auch Sportdirektor Peter Stöger bei der Austria abtreten.

Rapid wird bei Heimspielen von 14.000 Menschen im Schnitt besucht. Das könnte weniger daran liegen, dass Rapid eine so genannte Religion ist, als daran, dass manche Menschen gerne leiden. Klubchef Rudolf Edlinger, der ehemalige Finanzminister, betont regelmäßig, dass Rapid wirtschaftlich korrekt arbeitet, genauso oft jammern die Fans darüber, dass nicht in bessere Spieler investiert wird. Mag sein, das grünweiße Dahinwappeln ist sympathisch, zumal es auch mit Verletzungspech (Hofmann, Bazina) zu tun hat. Jedenfalls kann sich der Anhänger mit einer Elf, die nicht jährlich vom Ausgleich oder Ausverkauf bedroht ist, leichter identifizieren.

Sturm Graz stünde sportlich nicht einmal so schlecht da. Sturm hat schon mit drei Minuspunkten beginnen müssen, weil die Lizenzauflagen nicht auf Anhieb erfüllt worden waren. Und Sturm setzt seit Jahren aus der Geldnot heraus auf junge heimische Kicker, die dann einerseits ins Nationalteam, andererseits zu finanziell potenteren Vereinen kommen. Die Austria etwa hat jahrelang die besten jungen Kicker im Land zusammen gekauft, um sie dann oft und oft auf die Ersatzbank zu setzen. Die Finanzmisere bei Sturm ist eine eigene unglaubliche Story, wurden allein in drei Champions-League-Saisonen bis 2001 doch 330 Millionen Schilling lukriert.

Beim GAK sucht Sportdirektor Peter Svetits einen Nachfolger für Trainer Lars Söndergaard. In dem Zusammenhang fällt auf, dass die beiden Herren, wie so viele andere auch, früher bei der Austria in Wien am Werken waren, dort war das Kommen und Gehen halt ein besonders großes. Die Zahl der Stronach'schen Einflüsterer ist Legion, jedenfalls stellten die meisten dieser Einflüsterer ihr eigenes Wohl über jenes des Vereins oder des Fußballs an sich. Auch darum blieb Stronachs Geld am Ende wirkungslos. (Fritz Neumann, Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 24. Oktober 2006)

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