Oase der Moderne: Klangforum Wien

31. Oktober 2006, 13:27
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In den nächsten Wochen ist man bei Wien Modern dabei und auch an zwei Opernur­aufführungen beteiligt: Ensemblemanager Sven Hartberger im STANDARD-Gespräch

Wien - Aufgeführt zu werden, das ist in der zeitgenössischen Musik für Komponisten schon die halbe Miete - vom Klangforum Wien gespielt zu werden wohl mittlerweile sogar ein bisschen mehr. Doch wiewohl das Ensemble ob des internationalen Erfolges einmal im Monat im Ausland weilt, also sehr gut ausgebucht scheint, ist es prinzipiell recht einfach, in den Genuss einer Klangforum-Aufführung zu gelangen.

"Der Komponist muss jemanden im Ensemble mit seiner Musik begeistern, derjenige kommt dann zu den Kollegen und setzt sich für das Stück ein", sagt Orchestermanager Sven Hartberger. "Kunst ist keinen festlegbaren Kriterien unterworfen. Natürlich könnten prinzipiell auch ökonomische Gedanken eine Rolle spielen. Ein bekannter Name, eine garantierte CD-Aufnahme, das wären Verlockungen. Diesen begegnet das Ensemble mit bemerkenswerter Ignoranz ..."

Hartberger hat mit der Widerborstigkeit des Klangforums zu Beginn seiner Tätigkeit auch so seine Erfahrungen gemacht. "Am Anfang, als ich gezwungen war, sehr pragmatische Überlegungen anzustellen, habe ich, das muss ich zu meiner Schande gestehen, ansatzweise vorzuschlagen versucht, auch ökonomische Aspekte in die Programmplanung einzubeziehen. Ich bin in meinem Leben selten so ausgelacht worden."

Die Abfuhr

Da ging es um große Namen, CD-Projekte, Fernsehpräsenz: "Das Ensemble meinte: ,Dafür brauchen wir dich nicht! Wir wissen, dass es von selbst laufen würde, wenn wir gewisse Konzessionen machen. Das aber wäre nicht das Klangforum. Deine Aufgabe ist es, das künstlerische Anliegen zu transportieren.'" Dieses ist, das sagt auch Hartberger, nicht frei von Purismus. "Aber es ergibt eine klare, anspruchsvolle Linie, und sie wird ja auch bisweilen durchbrochen. Im Zyklus der nächsten Saison wird es auch einen Abend mit Musik von Ennio Morricone geben."

Das ist in der Tat schon etwas überraschend, aber doch die Ausnahme. In nächster Zeit ist ein vierfacher Beitrag zum kommenden Festival Wien Modern zu leisten. Bald auch im Theater an der Wien (7. November) die Bernhard-Lang-Oper Odio Mozart vorzustellen. Und im Rahmen des Mozart-Festes von Peter Sellars, New Crowned Hope, wird man La Passion de Simone (28. 11.) von Kaija Saariaho uraufführen und dabei auch ein Schulprojekt betreuen, das in der Oper angelegte Themen für alle möglichen Schulfächer aufbereitet. Zwei Projekte bei den kommenden Salzburger Festspielen sind auch schon fixiert.

Mehr Gelegenheit

Das ergibt eine Menge Arbeiten. Klar, dass Hartberger, der einst in der freien Opernszene Wiens Akzente gesetzt hat und lange Zeit ein Opernhaus fürs zeitgenössische Musiktheater initiieren wollte, meint, dass die Moderne einfach Gelegenheiten braucht, gespielt werden muss, um sich durchzusetzen. In diesem Zusammenhang findet er es schade, dass es mit dem Theater an der Wien keine Zukunftsprojekte gibt und dass eine Kooperation mit Paris, wo das Klangforum auf Einladung von Gerard Mortier die Georg-Friedrich-Haas-Oper Melancholia uraufführen wird, nicht zustande kam.

Hartberger: "Das ist schade. Mortier hat es angeboten, das Theater an der Wien hat ,Nein' gesagt. Da muss man sich nicht wundern, dass die Leute zu modernen Werken nicht hingehen, wenn nichts angeboten wird. Wie hat das der Klaus Zehelein in Stuttgart gemacht? Er hat 27-mal Intolleranza gespielt, 19-mal Das Mädchen mit den Schwefelhölzern! Zehelein meint dazu: ,Das hat mit der künstlerischen Überzeugungskraft eines Hauses zu tun. Wenn das Theater sicher ist, reagiert das Publikum auf die Sicherheit des Theaters, indem es kommt. Wenn ein Intendant ein Stück aus Vorsicht dreimal ansetzt, dann ist es erledigt!' Vielleicht ändert sich ja etwas. Aber sollte das Theater an der Wien an uns herantreten, dann können wir erst über 2010 reden."

Man ist also gut unterwegs, es ist etwas weitergegangen, es gab ja auch Zeiten der Subventionskämpfe, als Hartberger sogar überlegt hat, mit dem Klangforum auszuwandern. "Die Überlegungen gab es. Als ich kam, war das Ensemble im Aufbau und unendlich wichtig war auch die Arbeit meines Vorgängers Peter Oswald, der seinen Kopf hingehalten hat für das Ensemble. Langfristig wird es wichtig sein, sich immer wieder zu erneuern. Wir müssen immer wieder die Zusammenarbeit mit jungen Komponisten suchen, dürfen kein Furrer-Haas-Cerha-Gedenkensemble werden."

Die Jahre werden es zeigen. Eines wird allerdings wohl ewig gleich bleiben, nämlich die Tatsache, dass Hartberger kein Handy hat. " Ich bin nicht immer erreichbar, das ist auch nicht notwendig. Letztlich bin ich genauso leicht aufzufinden wie ein Handybesitzer." Einen Fernseher hat Hartberger übrigens konsequenterweise auch nicht. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

  • Sven Hartberger: "Sollte das Theater an der Wien  an uns herantreten, können wir über 2010 reden."
    foto: standard/ corn

    Sven Hartberger: "Sollte das Theater an der Wien an uns herantreten, können wir über 2010 reden."

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