Laienblech trifft Popmoderne

31. Oktober 2006, 13:27
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Bilanz der Donaueschinger Musiktage

Donaueschingen - Auf ein Motto verzichtete man heuer - und das war auch gut so. Zu unterschiedlich gerieten die Aufführungsformen und die neuen Werke. Als Knaller erwies sich das Eröffnungskonzert: Der Amerikaner Alvin Curran schrieb ein Stück für über 300 Laienmusiker, die den ortsansässigen Blaskapellen entstammten. Das Publikum sitzt zu Beginn von Oh Brass on the Grass Alas in einer Turnhalle und blickt durch eine große Glaswand auf eine grüne Wiese. Diese wird bald okkupiert von festlich gekleideten Musikern. Dann taucht der Komponist auf, in brauner Jacke und mit weißer Schirmmütze, grünem Schal und roter Flagge, die ihm als Dirigierinstrument dient. Gemächlich und nicht nur bei der Intonation etwas stolpernd schreitet die Blecharmee heran.

Curran mutet den Musikern Erhebliches zu, jagt sie über breite Klangfelder oder animiert sie zur Weitergabe von Akkorden und Tönen. Zum Spektakel wird das Ganze aber erst durch die "Choreografie", denn immer wieder spalten sich einzelne Kapellen auf, gruppieren sich neu und schauen zuweilen verzweifelt auf Curran und seine mittlerweile hinzugekommenen Subdirigenten. Als gar nichts mehr hilft und sich das Chaos vollends Bahn bricht, stürzen sich die gestressten Musiker in ein exzessives Trillerspiel.

Würdiges Forum

Im Ganzen ein nettes und geglücktes Experiment. Natürlich hatten in Donaueschingen auch die Großmeister der Tonsetzerei ein würdiges Forum. So stellte Brian Ferneyhough sein lange erwartetes Orchesterstück Plötzlichkeit vor. Theoretisch ungemein aufgeladen mit den neuesten Errungenschaften der New Complexity, klingt es jedoch ganz und gar untheoretisch, oft sogar ungemein klangsinnlich.

Dagegen boten Wolfgang Rihms Zwei Studien für Sopran und Streichquartett lediglich gediegene Moderne mit hohem Langeweilefaktor. Langeweile verflog rasch bei Mauricio Kagel, der eine Farce für Ensemble lieferte, gleichsam ein Geschenkpaket für die ausführenden Musiker wie fürs Publikum. Solisten kämpfen gegeneinander, eine Tuba sorgt lautstark für Ärger, eine Geigerin entschwindet mitsamt ihrem Instrument und spielt zärtliche Melodien aus dem Off. Und der dem Wahnsinn nahe Dirigent wird immer wieder von der Bühne gejagt. Am Ende gibt's aber dann doch Harmonie und viel Jubel für den Komponisten sowie das Amsterdamer Schönberg-Ensemble unter Reinbert de Leeuw. Es zeigte sich, dass Kagels kompositorische Krallen immer noch scharf sind.

Ganz besondere Töne bot die Verschaltung des Freiburger Barockorchesters mit dem Freiburger ensemble recherche. Während die Komponisten Chris Newman und Martin Smolka eine vorwiegend meditative Atmosphäre kreierten, versampelte Wolfgang Mitterer Telemanns Wassermusik, intervenierte mittels Verzerrungen, Überblendungen und einer re-lecture des vorher aufgezeichneten Originalmaterials. Das so entstandene, elektronisch aufgerüstete Barockstück verliert dabei nichts an Lebendigkeit, es gewinnt sogar an Leuchtkraft.

Die Lichtstimme

Eher enttäuschend geriet die Uraufführung des Projekts Lichtmusik von Georg Friedrich Haas und der Bühnenbildnerin Rosalie, die gerne mit bunten Farbeffekten arbeitet. Rosalie verbaute die Wände einer Turnhalle mit Plastikeimern, die sich in allen möglichen Farbfacetten beleuchten lassen. Haas schrieb eine "Lichtstimme", die die Instrumentengruppen hinsichtlich Lautstärke und bei der Gestaltung bestimmter Klangfiguren steuert (Einstudierung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg).

Im Ergebnis hat sich dieser Aufwand nicht recht gelohnt, da Haas wenig mehr als etwas besseren Minimalismus kreiert, Wellenbewegungen, dunkle Tonflächen und pentatonische Klangketten korrespondieren mit wellenartigen Lichtwechseln, länger andauernden Farbstimmungen und gelegentlichen Blitzeffekten. Der vom Künstlerduo intendierte spirituelle Trip bleibt aus, stattdessen gibt es Edeldisco mit eindrücklichem Raumklang. Und als dann sämtliche Eimer kunterbunt durcheinanderflackern und die Orchestergruppen sich gegenseitig "zuwummern", da hält auch in Donaueschingen die Popmoderne Einzug. (Jörg Florian Fux aus Donaueschingen /DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

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