Unterhaltsame Liedschmerzen

31. Oktober 2006, 13:27
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Tenor Michael Schade und sein grandioser Liederabend im Wiener Musikverein

Wien - "Was das für eine Seligkeit ist, für Gesang zu schreiben", teilt Komponist Robert Schumann seiner Clara im "Liederjahr" 1840 mit. Und von dieser einstigen Seligkeit kündet jede Note, jede Geste, jede kleine Pause, die Tenor Michael Schade im Wiener Musikverein meisterlich platziert.

In Schumanns "Liederkreis" op.39 (nach Texten von Joseph von Eichendorff) gestaltet der Sänger selbst einen kleinen Vorschlag zum schmerzvollen Seufzer "In der Fremde" lässt der drängenden Liebessehnsucht in "Intermezzo" klangvollen Lauf. Der deutsch-kanadische Tenor kann schlicht auch dem zartesten Piano im letzten Augenblick noch eine weitere Nuance verleihen.

Und dies sehr mühelos: Fahl und dennoch intensiv tritt die Verlassenheit "Auf einer Burg" zutage, bricht Seelenschmerz in "Wehmut" hervor. Malcolm Martineau am Klavier ist Schade ein kongenialer Begleiter. Jede Vorwärtsbewegung und auch jedes Innehalten trägt er biegsam mit und schafft ein Ambiente auch voll der "Beredsamkeit". Zum Beispiel lässt er etwa Reiter und Waldhorn "Im Walde" pittoresk Gestalt annehmen.

Sein gewitztes komödiantisches Talent setzt Schade im zweiten Teil des Abends mit sichtlichem Vergnügen ein. Umwerfend neckend und lockend wünscht er in Mendelssohns "Pagenlied" der Liebsten und sich "eine schöne Nacht", überzeugt aber auch in Hugo Wolfs "Musikant" aufs Köstlichste, wo er vermittelt, dass ihm bei dieser Dame das Singen "vergehn möcht". Und: Herrlich pikiert zeichnet das Klavier Wolfs "Scholar", den Michael Schade nach einem "Mund voll Rebensaft" gleichsam beschwipst zum Besten gibt.

Auch Brahms

Es gibt auch Kontraste: Dramatik zum Vergleich bieten die beiden Künstler mit Vertonungen von Eichendorff-Texten von Romantiker Johannes Brahms. Auch er hat, wie Schumann, der Einsamkeit "In der Fremde" nachgespürt, "Mondnacht" in Klang gesetzt - und dies doch auch dichter und drängender als der Ältere. Wuchtiges Aufbäumen gegen das Schicksal ballt sich in "Vom Strande" zu zorniger Intensität, die Schade auch in Liedmomenten der Resignation zu halten vermag.

Der jubelnden Begeisterung im Brahmssaal des Musikvereins gewähren die Musiker drei Zugaben. Zuletzt noch einmal Schumanns "Mondnacht". Beim ersten Mal, zu Beginn des Abends, war Schade ein kleiner Textirrtum unterlaufen, charmant meint er zum Publikum: "Versuchen wir es noch einmal." Gerne! Immer wieder! (Petra Haiderer/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

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