Messerattacke in der Villa

23. Oktober 2006, 19:02
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Kellner im Wiener Lesben- und Schwulenhaus Rosa Lila Villa schwer verletzt - Geteilte Ansichten über das Ausmaß lesben- und schwulenfeindlicher Gewalt in Österreich

Wien - Raphael betreute gerade das wöchentliche Treffen schwuler Jugendlicher im Wiener Lesben- und Schwulenhaus Rosa Lila Villa, als er Hilfeschreie hörte. "Ich bin hin gerannt und habe den Aushilfskellner blutgebadet am Boden des WC gesehen. Ein Typ mit einem Messer ist davon gerannt, bevor wir realisiert haben, was passiert war." Kurz zuvor war schon der Lokalbesitzer dem Angegriffenen zu Hilfe gekommen, wodurch der Täter von seinem Opfer abgelassen hatte.

Der Mann war Freitagabend gegen 22.30 Uhr in das Café Willendorf im Erdgeschoß der Rosa Lila Villa in Wien-Mariahilf gekommen, suchte die Herrentoilette auf und stach dort den 27-jährigen Csaba P. nieder - ohne ein Wort zu sagen. Mit Verletzungen im Gesicht und einer durchgeschnittenen Sehne am rechten Arm wurde P. ins AKH gebracht. Nach einer Operation ist er wieder wohlauf.

Der Angreifer, ein offenbar verwirrter 27-jähriger Arbeitsloser aus dem niederösterreichischen Wimpassing, stellte sich am nächsten Morgen in Wiener Neudorf der Polizei. Als Motiv gab er an, einen Traum gehabt zu haben, in dem er von einem Mann vergewaltigt wurde - woraufhin er sich rächen und einen Homosexuellen töten wollte.

Ausnahmefall

"Es ist ein absoluter Ausnahmefall, dass jemand körperlich attackiert wird," weiß Raphael, der seit sechs Jahren in der seit 1984 bestehenden Rosa Lila Villa tätig ist. Eingeschlagene Fenster, ruinierte Briefkästen, Beschmierungen und Beschimpfungen kämen jedoch regelmäßig vor: "Es wurde schon Kot im Gang deponiert und faules Essen herein geworfen. Leute, die vor dem Lokal stehen, werden ständig angepöbelt."

Homosexualität offen zu zeigen, sei problematisch, meint Raphael, auch wenn es in Wien im Vergleich mit anderen Regionen in Österreich noch "human" zugehe. Insgesamt sei das Ausmaß schwulen- und lesbenfeindlicher Gewalt im westeuropäischen Vergleich "eher gering", bestätigt Helmut Graupner, Präsident der Homosexuellen-Rechtshilfe Lambda. Das hänge mit der relativ geringen Auffälligkeit der heimischen Szene zusammen. In Sachen Sichtbarkeit nämlich gelte: "Je offener Lesben und Schwulen ihre Beziehungen leben, je öfter Händchen haltende Männer und schmusende Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen sind, umso härter wird der Gegenschlag dezidierter Homosexuellenfeinde".

"Es gibt in Wien de facto keine anti-schwule Gewalt," beteuert Christian Högl, Vorsitzender der Homosexuellen-Initiative (HOSI) Wien. Die Akzeptanz von Homosexuellen sei merkbar gestiegen, Übergriffe seien viel seltener geworden. "Die Messerattacke ist kein isolierter Vorfall," sagt hingegen Karin Schönpflug vom Verein Lila Tip, der ebenfalls in der Villa untergebracht ist. Die "Grundstimmung" sei in den letzten Jahren aggressiver, Schwulenfeindlichkeit offensiver geworden. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print, 24.10.2006)

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