Physik und Politik: "Leute lieben einfache Dinge"

31. Oktober 2006, 20:39
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Politik und Wirtschaft seien Systeme, die den Naturgesetzen folgen, erklärt der deutsche Physiker Dirk Helbing im STANDARD-Interview

Politik und Wirtschaft seien Systeme, die wie andere auch den Naturgesetzen folgen, erklärte der deutsche Physiker Dirk Helbing. Gefragt hat Standard-Mitarbeiter Nils Michaelis.

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STANDARD: In einer zunehmend globalisierten Welt folgt die Politik immer weniger selbstbestimmten Zielen als fremdbestimmten Sachzwängen. Als Naturwissenschafter nehmen Sie Erkenntnisse ihrer Disziplinen, um solche Sachzwänge zu erklären. Wie wichtig sind denn Physik und Mathematik für Politik und Wirtschaft?

Helbing: Staaten und Unternehmen sind hierarchisch organisiert, wie die Natur: Auf der untersten Ebene gibt es die Elementarteilchen, die mit ihren Anziehungskräften Struktureinheiten wie Atome bilden. Die fügen sich zu Molekülen zusammen, jene wiederum zu Festkörpern, Planeten und Sonnensystemen. Durch die Bildung größerer Einheiten werden die Kräfte abgesättigt, aber es bleibt eine Restwirkung.

Dadurch laufen die Prozesse auf den höheren Ebenen langsamer ab. Jede Hierarchieebene hat so ein typisches Tempo. Dies kann man auf Unternehmen übertragen, wo nur solche hierarchische Strukturen überleben, die schnell reagieren können, um sich an eine ändernde Umwelt anzupassen. Wer nicht Schritt hält, zerfällt in Einzelteile, die klein genug sind, um mit Veränderungen mithalten zu können.

STANDARD: Heute ist bei Unternehmen aber oft das Gegenteil zu beobachten: Große Konzerne schließen sich mit anderen zu noch größeren zusammen.

Helbing: Ja, aber es gibt viele Beispiele, wo das nicht funktionierte. Solche Megafusionen stärken die ursprünglichen Unternehmen oft nicht, sondern können sie gefährden. Es gibt natürlich auch gegenläufige Effekte. Dennoch gilt, dass sich in großen Hierarchien Reaktionsgeschwindigkeiten verlangsamen und so vermehrt falsche Lageeinschätzungen drohen.

STANDARD: Auf Ihrem diesbezüglichen Kongress, den Sie kürzlich in Budapest organisierten, diskutierten Wissenschafter mit Managern, wie man mit Erkenntnissen der Netzwerk- und Chaostheorie fatale Eigendynamiken vermeiden kann. Seit Jahrhunderten gibt es global agierende Unternehmen, warum brauchen die gerade jetzt Chaostheorie?

Helbing: Heute haben wir eine größere Vielfalt. Es wird immer schwerer, sie zu durchschauen. Weiterhin bewirkt die Globalisierung, dass lokale Probleme in kürzester Zeit weltweite Konsequenzen haben können. Wirtschaft und Gesellschaft sind komplexe Systeme, in denen die Wirkungen eines Eingriffs oft unvorhersehbar sind. Durch ihre Netzwerkstruktur bewirken Rückkopplungen oft das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt. Komplexe Systeme sind nicht mehr mit klassischen Konzepten kontrollierbar.

Obere Hierarchieebenen sollten sich auf allgemeine, jahrzehntelang gültige Rahmenbedingungen beschränken. Sonst können sie die schnelle Anpassungsfähigkeit und intelligente Lösungsvielfalt auf den unteren Ebenen nicht nutzen. Die Folgen sind Ineffizienz und Kostenexplosion. Komplexe Systeme funktionieren nicht wie ein Bus, wo der Fahrer das Lenkrad bloß nach rechts drehen braucht, um den Bus in diese Richtung zu lenken.

STANDARD: Zu Ihrer Konferenz kam neben vielen Managern und Wissenschaftern nur ein Politiker. Weshalb?

Helbing: Man hat noch nicht verstanden, warum in der Politik viele Konzepte so erfolglos sind. Nach wie vor glaubt man, dass die Politik den Bürger steuern kann, obwohl das Wissen aus der Chaos-, Netzwerk- und Systemtheorie seit 30 Jahren zu einem neuen Verständnis geführt hat. Leider ist dieses Wissen noch nicht richtig in Studiengänge wie Ökonomie und Politik eingegangen.

Auch ist die Mathematik, die man braucht, um komplexe Systeme zu verstehen, nicht sehr einfach. Sie führt oft zu Ergebnissen, die der Intuition widersprechen. Wenn man etwa die Produktion von Mikrochips schneller organisieren will, scheint es nahe liegend, die einzelnen Produktionsschritte schneller zu gestalten. Das aber hat in der Praxis nicht funktioniert. Erst eine Verlangsamung der Produktionsschritte ermöglichte insgesamt eine Produktionssteigerung um 30 Prozent.

Dieser Schneller-ist-Langsamer-Effekt ist nur ein Beispiel für die oft unplausiblen Eigenschaften komplexer Systeme. Die Leute lieben einfache Dinge, aber so ist das Leben nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 24. Oktober 2006)

Zur Person
Dirk Helbing (41) leitet das Institut für Transport und Wirtschaft an der TU Dresden. Er studierte Physik und Mathematik in Göttingen, publizierte über 130 Arbeiten in Top-Journals wie "Nature" und "Science" und arbeitet für das israelische Weitzmann-Institut.

Kürzlich organisierte er in Budapest die "Konferenz über komplexe Systeme und die Paradoxien der modernen Politik und Wirtschaft".

  • Dirk Helbing (41) leitet das Institut für Transport und Wirtschaft an der TU Dresden.
    foto: der standard/tu dresden

    Dirk Helbing (41) leitet das Institut für Transport und Wirtschaft an der TU Dresden.

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