Neuer Prozess um Sekte

24. Oktober 2006, 14:57
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Dirigent des Philharmonieorchesters von Metz soll 74 Sonnentempler in den Tod getrieben haben

Es waren grässliche Funde. Zwischen 1994 und 1997 starben insgesamt 74 Anhänger der Sonnentempler einen gewaltsamen Tod; in Schweizer Chalets, kanadischen Kellern und einem Wald in den französischen Alpen. Dort fand die Polizei die sterblichen Reste von 16 Sektenmitglieder, im Kreis auf dem Scheiterhaufen angeordnet. Ein Teil der Leichen, unter ihnen die dreier Kinder, wiesen Schusslöcher auf. Kollektiver Selbstmord oder Massenmord? Die französische Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, dass nicht alle Sektenjünger freiwillig aus dem Leben schieden. Doch das Rätsel ist bis heute nicht restlos geklärt, denn der Sektenführer Joseph Di Mambro und sein Prediger Luc Jouret hatten sich ebenfalls das Leben genommen.

Der Einzige, der in dieser Affäre jemals angeklagt wurde, ist Michel Tabachnik, der frühere Dirigent des Philharmonieorchesters von Metz. Im ersten Prozess warf der Staatsanwalt von Grenoble dem Schweizer vor, mit seinem esoterischen Gerede vom Weltuntergang eine „tödliche Dynamik“ ausgelöst zu haben.

Aufforderung zur Selbsttötung

So schrieb Tabachnik, die „Imminenz großer Kataklysmen“ begleite den „Übergang der Menschheit von der 4. zur 5. Herrschaft“, was gleichbedeutend mit der „Rückkehr zum Vater“ sei. Im Klartext: Selbsttötung aller Sektenmitglieder zur Wiederauferstehung in einem besseren Leben.

Wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung und Anstiftung zum Selbstmord wurden für Tabachnik fünf Jahre Gefängnis verlangt. Das Gericht sprach ihn aber 2001 frei, da der Angeklagte zur Zeit der Tode eine gewisse Distanz zu seinem Freund Di Mambro gepflegt habe. Die Staatsanwaltschaft legte dagegen sofort Berufung ein. Die Anklagebehörde ist nach wie vor überzeugt, dass Tabachnik die psychische Anfälligkeit und die gute finanzielle Situation einzelner Sektenmitglieder ausgenützt habe. Der Berufungsprozess zögerte sich aber jahrelang hinaus. Der Berufungsprozess gegen den nun 63-jährigen Tabachnik wird heute, Dienstag, in Grenoble beginnen. Die Verhandlungen dürften gut zwei Wochen dauern. (Stefan Brändle, DER STANDARD Printausgabe, 24.10.2006)

  • Exsektenprediger: Michel Tabachnik
    foto: epa/pascal fayole

    Exsektenprediger: Michel Tabachnik

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