"Großhirn an Zwerchfell: Beben!"

Redaktion, 21. Dezember 2006, 16:14
  • "Wie, der Täter hat gestanden? Dann sagen Sie ihm doch, er darf sich hinsetzen!" Otto Waalkes tüftelt am idealen Rollenprofil für einen "Tatort"-Krimi.
    foto: standard/christian fischer

    "Wie, der Täter hat gestanden? Dann sagen Sie ihm doch, er darf sich hinsetzen!" Otto Waalkes tüftelt am idealen Rollenprofil für einen "Tatort"-Krimi.

  • Hier stockt der Gifttrank im Hexenhaus: Nina Hagen, umzingelt von Zipfelmützenträgern, im lustigsten deutschen Film des Jahres, "7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug".
    foto: uip

    Hier stockt der Gifttrank im Hexenhaus: Nina Hagen, umzingelt von Zipfelmützenträgern, im lustigsten deutschen Film des Jahres, "7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug".

Otto Waalkes legt mit "7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug" ein, äh, märchenhaft komisches Mittelalterswerk vor - Der Komiker und sein Co-Autor im STANDARD-Gespräch

Wien/Märchenwald – "Milz an Großhirn, Milz an Großhirn! Ich krieg schon wieder nix mit da unten. Ist der gut, der neue Otto-Film?"

"Großhirn an Augen: Was spielt sich denn ab da vorne auf der Leinwand?"

"Augen an Milz: Wahnsinn! Männer mit Zipfelmützen, Märchenwald, Nina Hagen als vergessliche Stiefmutter, ein Ausbruch in ein Großstadt-Deutschland, das Jacques Tati (Playtime) ersonnen haben könnte, weiters ein Gastauftritt von Udo Lindenberg, Helge Schneider als 'weiser Helge', und – Holzbube Pinocchio resigniert: 'Mir ist schon alles Regal.'"

"Großhirn an Augen: Und? Lustig? Blöd?"

"Augen an Großhirn: Grenzblöd, sehr komisch!"

"Großhirn an Zwerchfell: Beben!"

Unterdessen, an einem anderen, weniger märchenhaften Ort unseres Erfolgskinouniversums, sitzt ein mittelalterlicher Herr mit schütterem Haar und einer 7 Zwerge-Schildkappe in irgendwelchen Hotellobbys und gibt Interviews: Otto Waalkes (59) hält Interviews allem Anschein nach nicht für besonders wichtig, von Zeit zu Zeit ruft er seinem Co-Autor Bernd Eilert zu: "He, Bernd, willst du mich nicht ablösen hier? Das ist ein total gutes Interview, echt! Der Herr hier findet unseren Film toll!" Und dann sagt er – mit übrigens sehr leiser Stimme – wieder Sachen wie: "Das ganz Ernsthafte, also nö, das entgleitet mir meistens doch sehr schnell. Da kann ich mich nicht so drauf konzentrieren."

"Tatort"-Angebote ...

Wir vom STANDARD, wir hatten Otto nämlich gefragt, ob ihm jemals ernsthafte Rollen angeboten worden seien, weil ja mittlerweile wirklich jeder Komiker – siehe Jim Carrey oder Roberto Benigni – den Hang verspürt, auch im dramatischen oder gar tragischen Fach zu reüssieren. "Tatort hat man mir schon angeboten", sagt Waalkes, "aber das wär’ nichts für mich. Das ginge ganz schnell in die Richtung: ,Wie? Der Täter hat gestanden? Na, dann sagen Sie ihm doch, er darf sich hinsetzen!‘" Kläglich scheitert die allzu forcierte Suche nach dem Mann im ewigen Kinde ...

Oder nein? "Bubi", sagt Otto Waalkes, "Bubi ist meine bis dato tragischste Rolle."

Bubi: Das war schon im ersten 7-Zwerge-Film Männer allein im Wald quasi der siebte Zwerg von links, ein elfenhafter Tor, dem in der Zipfelmützen-WG keiner wirklich zuhört: "So geht’s mir verletzlichem Krebs-Geborenem seit jeher", seufzt Otto. "Meine Familie, die Frauen, die Mitarbeiter – keiner und keine hört wirklich hin, wenn ich was sage." Jetzt in Der Wald ist nicht genug ergibt diese Ignoranz der anderen jedoch eine völlig neue Qualität.

Otto/Bubi muss keine Otto-Witze mehr machen, weil jedes Mal, wenn er anhebt, etwas zu sagen, wird er einfach überhört, und stattdessen machen alle anderen – darunter Komiker wie Oli Dietrich, Mirko Nontschew, Martin Schneider oder eben Helge Schneider – die Otto-Witze: Groteske Sprachverwirrungen, wie sie einst schon Robert Gernhardt und Bernd Eilert für den jungen Waalkes ersannen, anarchisch-chaotischen Slapstick, permanente Satire berühmter Hits aus TV und Kino: Es ist, als wäre der Otto/Bubi, der da nicht mehr zum Zug kommt, plötzlich viele. Und so gelingt im neuen Zwergen-Film, was im ersten definitiv nicht zustande kam: eine kompakte Ensemble-Leistung.

Verdankt sich das dem von Waalkes und Eilert geschriebenen Drehbuch oder erhöhter improvisatorischer Freiheit? "Halbe-halbe", sagt Otto Waalkes, "oder? Bernd, willst du dem Herrn hier nicht was über Robert Gernhardt erzählen? Der stellt echt gute Fragen, äh, also mir war das schon bewusst, dass sich da jeder besser entfalten können muss. Ich hab’ es ja seinerzeit mit den Texten und Gags , die man mir angeboten hat, nicht anders gemacht." Dass diese Texte aus der legendären Neuen Frankfurter Schule (Pardon) stammten, ist heute noch viel zu wenigen bewusst: Die, die Otto nie mochten, haben die literarische Qualität seiner Performances meist ignoriert. Und seine Fans haben es nie wirklich zur Kenntnis genommen: "Dabei war er wirklich inspirierend für unsere Art, die trübselige deutsche Ernsthaftigkeit zu unterwandern", sagt – "na endlich, Bernd, du ich muss jetzt ganz schnell, tschüss!" (Otto W.) – Bernd Eilert.

Lied? Märchen? Würg?

Eilert: "Dieser spillerige, hypernervöse Typ, der nie wirklich weiß, ob er jetzt noch schnell ein Lied ankündigen soll oder ein Märchen erzählen oder lieber doch gleich die Gitarre würgen – wir fanden den damals Anfang der 70er als einen notwendigen Gegenpol zum schwerblütigen 'literarischen' Kabarett. Zwischendurch hat er ja dann doch wieder unfassbare Sätze herausgeschoben."

Wir erinnern uns: "Jeder dritte Volkswagen aus der Bundesrepublik ist ein Auto." Oder: "Ein Geschenk? Das kann ich nicht annehmen! Ich kann doch nicht annehmen, dass das alles sein soll ..."

"Was wirklich von den Gags übrig blieb, die wir mit ihm geschrieben haben, konnte man nie vorhersagen", sagt Eilert. War es schwer, den jungen Tor von einst altern zu lassen? Eilert: "Ich glaube, das Problem hat sich für Otto nie wirklich gestellt. Im Gegenteil, das Kindliche an ihm tritt immer lyrischer zutage. Wenn er jetzt im Film als Einziger weiß, wie das Rumpelstilzchen heißt, und keiner beachtet ihn, und das ist auch der einzige Grund dafür, dass sich die Filmhandlung überhaupt entwickeln kann, dann hat das schon eine träumerische Qualität." (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2006)

Ab Freitag (27.10.2006) im Kino
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Ich habe Otto schon als Kind nicht lustig gefunden - herumhüpfen als würde er an einer Steckdose hängen, jodeln weil das ja so witzig ist wenn das ein Deutscher macht, Witze mit Pointen plätter als eine Flunder etc. - gäbs nicht so viele Idioten die ihn witzig finden, müsste er wohl Hartz IV beziehen....
Ich hasse Otto!! Danke!

ich finde den organ-dialog so platt.

gähn. auch dass otto stellenweise in plattdeutschen dialekt fällt, mag ich nicht.

Frage an die Redaktion

ist es konzeptimmanent, dass Filme wie Keller oder Ainoa nicht rezensiert werden? An der (fehlenden) Qualität kanns ja nicht liegen (siehe oben).

Also ich würd gern wissen, wieviel Aspartam man verdrücken muss, bis man auf so seichte Schmähs a la '7 Zwerge' abfahrt.

"Wo is der Jääscher - der Nääscher? - nein der Jääscher!"

sehr lustig - gäähn

Da kann ich als Alternative "Themroc" von Claude Faraldo empfehlen. Da sind die Dialoge nicht so kompliziert...

Krawuzi

"He, Bernd, willst du mich nicht ablösen hier? Das ist ein total gutes Interview, echt! ...."

is doch witzig, oder?

oder nicht?

er ist richtig froh...

...dass er jetzt bei VW am Fließband arbeiten darf: da gibt es... bunte Schraubenzieher..... :-)

dass gernhardt und eilert mit/für den jungen otto waalkes geschrieben haben ist für mich das aha-erlebnis des jahres :)

Gernhardt. Ob da jemals wer nachkommt, der über dessen Hosensaum schaut?

Grauenhaft!

Otto ist für mich mit der Zeit immer unerträglicher geworden.
In den späten 70ern ging das ja noch - was aber vielleicht auch daran lag, daß ich in dem Alter noch nicht zur Schule ging...
Aber mit wachsender Popularität wurde der Mann einfach immer schlechter.

Ich nehme einmal an, dass vergleichbare Entertainer aus dem englischsprachigem Raum (vielleicht Carey und vielleicht Williams) bei uns voll anerkannte - auch intellektuelle - Künstler sind. Dasselbe behaupte ich auch von Otto Waalkes und er wird immer besser. Gibts vielleicht Aversionen weil er eine (Nord)Deutscher ist...??

Nein, Carey und Williams sind für mich ebenso unerträglich.
Und die Schnelldiagnose (Nord)Deutschenaversion ist hierzulande zwar nie verkehrt - bin allerdings Hamburger und würde es deshalb nicht darauf zurückführen.

Ich mag einfach diese Art von Humor nicht, ist mir zu platt. Und Geschmäcker sind nunmal verschieden, zum Glück.

Beim Hamburger ist natürlich Friesenverachtung nicht gentzlich auszuschließen ;-)

:-D
Prinzipiell richtig. Aber ich persönlich habe eine Schwäche für Eingeborene.

Einmal im Leben so eine Wortschöpfung wie Ihr "gentzlich" zusammenzubringen, das wäre mein Traum...

*neid*

Das Kompliment muß ich ablehnen und an Unbekannt weiterleiten; jedenfalls herzlichen Dank!

MW war das eine Schreibweise, die im Barock üblich war und im 20. Jhd. jedenfalls H C. Artmann mitunter verwendet hat und vielleicht auch F. v. Herzmanovsky-Orlando. Von einem von die zwei hab ichs jedenfalls.

Eine Zeit lang ging es mir genauso, vor allem die Kinofilme... aber bis 7 Zwerge, da habe ich mich wieder mit dem Komiker "versoehnt", vor allem in Kontrast zu den anderen Entertainern hat er brilliert. Ich bin gespannt auf diesen Film, weil ich anhand des Interviews erwarte Otto in einem "faireren" Umfeld (besseres Ensemble) zu sehen 8-)

PeAcE

danke

ich hatte schon angst, ich bin der einzige der etwas mit dieser art von humor anfangen kann. schon der erste teil hat mich mehr als positiv ueberrascht. ottos humor, man denke nur an das zib2 interview, ist einfach herrlich.

Herrlich Surreal, aber eben auch reflektierend. Worte verdrehend, neuen Sinn gebend, oder auf einen weiteren Sinn hinweisend. Sich selbst als dumm hinstellend, damit Mitleid und Verachtung provozierend, und ueber diese Gefuehle einen - fuer viele unbekannten - Teil der Seele des Betrachters enthuellend. 8-)

Vielleicht muss man eine gewisse persoenliche Veranlagung haben um diese Art von Humor zu schaetzen 9-)

PeAcE

ja, das zib2 interview war genial, absolut der wahnsinn, ich hatte sowas von bauchweh danach *rooofl*

er ist irgendwie nur in kleine Dosen verträglich,

wie auch Louis de Funes besser war, wenn er nicht eine allzu vordringliche Hauptrolle hatte (Radieschen von unten - Des Pissenlits par la Racine!!!). Aber in dieser parazelsischen Beschränkung ist er dann sehr gut.

Es kann damit zusammenhaengen das mir 7 Zwerge so gut gefallen hat... da war er ja auch nicht in der Hauptrolle. Aber jedesmal wenn er eine Szene hatte war es einfach "richtig". Vom Timing, von der Grimasse, vom Klang der Stimme... ich bin gespannt auf den zweiten Teil, mal sehen ob Otto meine Erwartungen erfuellt 9-)

PeAcE

Finde vor allem seine Kurzauftritte in diversen Shows auch heute noch Spitze. Da geht immer die Post ab. Und immer sehr spontan, die Gastgeber sind meist maßlos überfordert.

Genau diese Kurzauftritte finde ich schrecklich und irgendwie würdelos.
Aber sind wir mal froh, daß Geschmäcker verschieden sind!

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