Demonstration gegen Selbstmord

24. Oktober 2006, 07:00
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Türkei: Frauen protestieren gegen Familienzwänge und "Ehrenverbrechen" angesichts des jüngsten Selbstmords eines jungen Mädchens

Batman/Wien - 18 Jahre war Saliha D. alt, als sie sich vergangene Woche mit einem Elektrokabel erhängte. Ihr Tod reiht sich in eine seit Jahren stark gestiegene Zahl von Selbstmorden bei Frauen im Südosten der Türkei, in Batman. Die Stadt war schon vor Jahren durch außergewöhnlich viele Frauen-Selbstmorde aufgefallen und hatte von der Presse den Beinamen "Selbstmord-Stadt" erhalten. Erst im Mai waren UN-Ermittlungen angekündigt worden: Die Sonderberichterstatterin zum Thema Gewalt gegen Frauen, die türkische Professorin Yakin Erkin, sollte in die Region reisen und die Ursachen der Selbstmorde und versuchten Selbstmorde untersuchen. Ergebnisse sind noch keine bekannt geworden.

Demonstration

Wie die türkische Tageszeitung Hürriyet in ihrer Englisch-Ausgabe am Montag berichtete, wurde Saliha D. von der Familie unter Druck gesetzt, einen 60-jährigen Mann zu heiraten. Gegen den jüngsten Selbstmord in Südostanatolien hat nun eine kleine Gruppe junger Frauen protestiert. Sie riefen zu einem Ende der Selbstmorde und der dazu führenden Hintergründe auf. Im Artikel wird eine Frau namens Ferda Ugurlu mit den Worten zitiert: "Wir können den Tod unserer Freundin Saliha nicht akzeptieren. Wir wollen, dass Eltern unsere Schreie hören. Löscht das Licht dieser jungen Leute am Beginn ihres Lebens nicht aus. Lasst sie nicht so jung sterben. Versucht nicht, sie zu zwingen, Dinge zu machen, die sie nicht wollen."

Wie die FAZ vergangene Woche berichtete, ist in Batman eine Bewegung entstanden, die den Frauen beistehen will, sich für das Leben zu entscheiden. Das "Frauenzentrum" ist vor vier Jahren entstanden, zwei Mitarbeiterinnen leisten "erste Hilfe", dann werden eine ehrenamtliche Psychologin und Juristin hinzugezogen. Selis, das Frauenhaus der Stadtverwaltung, biete Alphabetisierungskurse für Frauen aller Generationen und psychologische Betreuung an. Das Frauenzentrum "Kamer" vergebe neuerdings an Frauen Kleinkredite, damit sie sich selbständig machen. Immer mehr Frauen wollen die Selbstmorde nicht einfach mehr hinnehmen, wie auch der kleine Marsch zu Ehren Salihas gezeigt hat.

"Ehrenverbrechen"

In der armen, ländlichen Region Südostanatoliens, stark vom konservativen Islam beeinflusst, werden viele junge Frauen ermordet. Mit Hoffnung auf einen EU-Beitritt hat die Türkei die Strafe für die sogenannten "Ehrenmorde" verschärft und einen mehrjährigen Aktionsplan zur Eindämmung dieser Gewalttaten angekündigt. Als Folge versuchen Familien, ihre Mitglieder vor diesen Strafen zu schützen und Töchter zum Selbstmord zu bewegen. Wie die "International Herald Tribune" in einem Artikel im Juli berichtete, machen Fraueneinrichtungen darauf aufmerksam, dass "entehrte" Mädchen mit Rattengift, einer Schusswaffe oder einem Seil tagelang in Zimmer eingesperrt werden. Ihre Familien erzählten ihnen, dass zwischen Schande und Erlösung einzig der Tod liege.

Erst im Sommer hatte die türkische Polizei in einem Bericht auf "Ehrenverbrechen" aufmerksam gemacht. Demzufolge kamen seit dem Jahr 2000 91 Frauen durch "Ehrenmorde" ums Leben. 62 Prozent der Frauen werden zu Hause misshandelt, nur 17 Prozent seien während ihrer Kindheit oder Ehe niemals Opfer häuslicher Gewalt geworden. (red)

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