Auswendig gelernte Autobahnschilder

2. Juli 2000, 22:32

Analphabetismus galt lange als Dritte-Welt-Problem. Heute nicht mehr. Über ein veraltetes Immigrationskriterium

Anfragen und Beratung, auch anonym für Betroffene und Angehörige, bieten: VHS Wien Floridsdorf/ Fr. Doberer-Bey, Tel: 01-271 3236.

ABC AlphaBetisierungsCentrum Salzburg/ Fr. Bauer, Tel: 0662-871 657.

Verein IOSOP Graz/Otto Rath, Tel: 0316-764 646-16.

VHS der AK Linz/Oberösterreich/Hr. Mayr, Tel: 0732-739343-42.

Man muss einfach in anderen Dingen schlauer sein" sagt Peter Becker (die Namen wurden von der Redaktion geändert), und er weiß, wovon er spricht. Denn er musste zum Beispiel für seine Gesellen- und spätere Führerscheinprüfung alle Prüfungsfragen auswendig lernen. Ebenso seine täglichen Fahrstrecken, denn er ist Busfahrer. "Ich kann doch nicht den Bus auf der Autobahn anhalten, um ein Schild zu buchstabieren. Auf der Autobahn wäre das doch tödlich gewesen", sagt Becker.

Becker ist einer der zwei bis drei Millionen Deutschen, die nicht oder nur ungenügend lesen und schreiben können. Trotz allgemeiner Schulpflicht. Als ,funktionale Analphabeten' umscheibt eine UNESCO-Definition diejenigen, die keine Mietverträge, Zeitungen oder Bücher lesen können, die an Telefonbüchern ebenso scheitern wie an Fahrplänen oder Gebrauchsanweisungen, die bei ihren behördlichen Gängen regelmäßig in Panik geraten oder mit verbundenen Händen im Amt erscheinen oder mit der Ausrede ,Ich habe meine Brille vergessen' erreichen, dass sie die Formulare mit nach Hause nehmen können, wo Eltern oder Freunde sie vorlesen und ausfüllen.

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Eine Schätzung der UNESCO geht von einem Anteil von 0,75 bis 3 Prozent an der deutschsprachigen Erwachsenenbevölkerung aus. "Die Dunkelziffer ist noch höher", glaubt Peter Hubertus, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Alphabetisierung. "Aus Angst vor Bloßstellung ist die Schamgrenze bei den Betroffenen enorm hoch, mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen."

Die OECD führte 1996 eine Studie zur Lese-und Schreibfähigkeit der Bevölkerung in den Industrieländern durch. Diese empirische Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland 14,4 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung die unterste Fähigkeitsstufe in Lesen und Schreiben nicht erreicht.

"Am schlimmsten ist die Angst, entdeckt zu werden", sagt Helmut Meier. Er ist 26 Jahre alt, arbeitslos und Analphabet. Er kann seinen Namen schreiben, mühsam die Adresse, mehr nicht. Er macht nur Dinge, die er kennt. Er fährt mit dem Bus in das Viertel, in dem er seine Jugend verbracht hat, da kennt er sich aus. Orientiert sich an den Häuserfassaden, bunten Werbeschildern oder stattlichen Bäumen - da braucht er niemanden nach dem Weg zu fragen. Oder er besucht, wenn er mal ausgeht, immer die gleichen Lokale: eine Pizzeria und ein Hamburger-Restaurant. Auch da kennt er sich aus, weiß sich zu bewegen. Hier kann ihm auch nicht passieren, was ihm zustieß, als er einmal die vertraute Umgebung verließ und woanders essen wollte. Er blätterte in einem Lokal interessiert in der Speisekarte, die er ja nicht lesen kann, und bestellte dann ein Schnitzel. Als die Bedienung erstaunt meinte, das stehe doch gar nicht auf der Speisekarte, verließ Meier fluchtartig die Gaststätte. Er, der allen Mut zusammengenommen hatte, um einmal den gewohnten Trott zu verlassen, hatte eine Niederlage erlitten, von der er sich lange nicht erholte.

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Bis in die Siebzigerjahre betrachteten die westlichen Nationen Analphabetismus als reines Dritte-Welt-Problem. Das änderte sich auch in der BRD schlagartig, als Ende der 70er-Jahre die Beschäftigungsbedingungen sich so drastisch verschlechterten, dass Analphabeten, die vorher in der Lage waren, trotz fehlender schriftsprachlicher Fähigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden, auf der Straße standen.

Peter Becker vermutet, dass seine Schwierigkeiten von der frühen Trennung seiner Eltern herrühren. "Ich habe damals einen Knacks wegbekommen, denn seit der Zeit hat in der Schule nichts mehr für mich geklappt. Ich habe mich durchgemogelt und versetzt worden bin ich nur deshalb, weil ich mündlich nicht auf den Kopf gefallen bin." Er hatte Glück. Denn im Gegensatz zu den meisten Menschen, die nicht oder ungenügend lesen und schreiben können, hatte er eine Arbeitsstelle. Und dennoch, weil er beruflich nicht mehr weiterkam, fasste er seinen ganzen Mut zusammen und gestand dem sozialpädagogischen Dienst beim Arbeitsamt seine Lese- und Schreibprobleme. Über sie bekam er eine vom Bundesverband der Analphabeten eingerichtete Telefonnummer. Dort ließ er sich beraten und erfuhr von "Lesen und Schreiben", wo er jetzt als 29-Jähriger zusammen mit Helmut Meier ganztägig wieder die Schulbank drückt.

"Die Lernsituation darf nicht der der Schule ähneln", sagt Marie-Luise Oswald, Leiterin von "Lesen und Schreiben", "weil Analphabeten mitunter ihrer eigenen Lernbiografie sehr skeptisch oder ängstlich gegenüberstehen." Angesagt ist also Lernen in Kleingruppen ohne Notendruck und Prüfungsangst.

Günther Hofmann

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