Bestimmung des Risikos unmöglich

2. Juli 2000, 21:32

Diskussion um Kampfhunde: Tierexpertin ortet "einige Fehler in der Zucht"

Das derzeit diskutierte Verbot von Kampfhunden wertet eine Tierzuchtexpertin als "billige politische Lösung, die nicht zielführend ist". Schutzmaßnahmen gegen Hundeattacken sollten weniger beim Tier, sondern vielmehr bei dessen Umwelt ansetzen, berichtet Andreas Feiertag.

Wien - "Der Gesetzgeber fordert immer wieder, das Risiko von einzelnen Hunderassen nach objektiven Kriterien zu bestimmen. Und genau das ist das Problem", erklärt Irene Stur vom Institut für Tierzucht an der Wiener Veterinärmedizinischen Universität. "Entsprechende Studien kranken zu einem großen Teil an Verzerrungen." Eine Einteilung nach Gefährdungspotenzialen sei nicht seriös. Die Frage, ob es Rassen gibt, deren Vertreter grundsätzlich gefährlicher sind als andere, "muss mit Nein beantwortet werden", sagt die Hundeexpertin zum STANDARD.

Wie berichtet, ist nach der tödlichen Hundeattacke auf einen Schüler vergangene Woche in Hamburg auch in Österreich der Schutz der Bevölkerung vor Beißangriffen zu einem Politikum geworden. Diskutiert werden derzeit unterschiedliche Maßnahmen: von Kastration, Sterilisation und Zuchteinschränkungen über Schulungen und Halteberechtigungsprüfungen für Hundebesitzer bis zu einem generellen Verbot für so genannte Kampfhunde. Letztere wertet die Expertin Stur als "billige politische Lösung, die nicht zielführend ist".

Aggression sei ein vererbbares genetisches Merkmal jedes Hundes, dessen Sozialisierung von Rangkämpfen und Rangordnungen geprägt sei. Bei heutigen Haushunden seien viele Aggressionsformen "züchterisch begünstigt worden" - etwa bei Wachhunden, Hütehunden und Jagdhunden. Die eigene oder angezüchtete Aggression allein stelle aber noch kein Risiko dar. Ein solches hinge auch von der Reizschwelle ab. Und diese sei laut Stur umso niedriger, je weniger Freiheit, Beschäftigung und Ausgang ein Hund habe. "Daher ist auch ein absoluter Leinenzwang für mich bedenklich."

Entscheidende Umwelt

Prinzipiell seien alle Merkmale von Hunden sowohl genetisch als auch von der Umwelt abhängig. Dabei sei etwa die Fellfarbe zum größten Teil genetisch bedingt, das Wesen aber stark von äußeren Faktoren abhängig. Präventionsmaßnahmen gegen Hundeattacken müssten daher bei Umwelteinflüssen ansetzen. Sturs Vorschläge:

  • Sachkundenachweis: Vor Anschaffung eines Hundes sollten Hundehalter in einer Grundschulung den richtigen Umgang mit dem Tier erlernen und - ähnlich einer Führerscheinprüfung - dies mit einem Sachkundenachweis dokumentieren. Auch der Leumund sollte für die Bewilligung zum Halten eines Hundes geprüft werden.
  • Grundausbildung: Alle Hundehalter sollten mit jedem neuen Hund eine Grundausbildung absolvieren.
  • Hunde-Unterricht: Da Hunde permanente Bestandteile der Umgebung und prinzipiell alle Hunde potenziell gefährlich seien, sollte ähnlich der Verkehrserziehung bereits den Schulkindern der richtige Umgang mit Hunden beigebracht werden. Bei vielen Hundeattacken sei das Verhalten der Opfer Auslöser für die Unfälle. In den USA gebe es daher bereits Merkblätter für Kinder, in denen Verhaltensregeln für verschiedene Situationen mit Hunden aufgelistet sind.
  • Kontrolle: Bestehende Gesetze müssten ausgenützt, Verordnungen dann auch exekutiert werden. Im Fall des zu Tode gebissenen Hamburger Kindes habe für den Hund ein Leinen- und Maulkorbzwang existiert, weder Besitzer noch Behörden hätten sich darum gekümmert. Die Strafen für Verstöße sollten deutlich angehoben werden.
  • Bewusstseinsbildung: Der Bevölkerung müsse klargemacht werden, dass im Zusammenhang mit Hunden, egal welcher Rasse, eine absolute Risikovermeidung nicht möglich sei.

    Falsche Bezeichnung

    Stur stellt auch fest, dass der Begriff "Kampfhund" falsch sei. Hundekämpfe seien nämlich seit vielen Generationen verboten. Von den in Österreich so bezeichneten Rassen (American Staffordshire Terrier, American Pitbull Terrier, Bullterrier, Mastiffs, Bullmastiffs, Dogo Argentino, Fila Brasileiro, Mastin Espanol, Mastino Napoletano sowie Rottweiler) seien lediglich Pitbulls, Staffordshire oder Bullterrier früher für diese Zwecke gezüchtet worden. Mit dem Ziel, dass sich "die Aggression ausschließlich gegen ihre eigenen Artgenossen richtet, niemals aber gegen den Menschen." Heute stünden vorwiegend andere Zuchtziele dahinter.

    Die anderen hierzulande laut Stur "fälschlich" als Kampfhunde bezeichneten Rassen seien primär zur Großwildjagd gezüchtet worden. Beiden jedoch - den ehemaligen Kampfhunden und den Großwild-Jagdhunden - sei gleichzeitig eine "hohe Schmerzschwelle" angezüchtet worden, damit sie nicht bei der kleinsten Verletzung schon aufgeben. Daher sei es bei Angriffen dieser Rassen "oft nicht mehr möglich, den Hund vom Opfer abzubringen". Auch in Hamburg musste der Hund, der sich in den Kopf des Kindes verbissen hatte, erschossen werden.

    Zu wenig Vermischung

    Generell würden in der "Zucht von Rassehunden einige Fehler gemacht". Da es dabei kaum zu einer Vermischung des Genpools kommt, steige die genetische Ähnlichkeit innerhalb einer Rasse, es komme zum Auftreten vieler genetischer Defekte.

    "Wir kennen heute rund 400 entsprechende Erbkrankheiten", erläutert Stur, "sehr viele Rassehunde haben einen oder mehrere genetische Defekte." Aber nur wenige dieser Störungen wirkten sich auf das Verhalten aus. Und wenn, dann nicht unbedingt bei den als gefährlich bezeichneten Rassen. So könne auch beim "Familienhund Golden Retriever" durch die Überzüchtung eine "Ethopathie" auftreten - ein "genetischer Defekt, durch den es zu unkontrollierten Attacken des Hundes gegen seinen Besitzer kommt".

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