Die Ameisenhaufenmillionäre - wie man mit Web-2.0 reich wird

22. Februar 2008, 15:48
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YouTube, MySpace & OpenBC oder wie man mit Ideen reich werden kann

Kann man mit Ameisenhaufen Geld verdienen? Etwas Vergleichbares haben jedenfalls Chad Hurley (29) und Steve Chen (27) geschafft. Aus ihrer simplen Idee einer Seite zur Ansicht von Kurzvideos ist in weniger als zwei Jahren ein virtueller Tummelplatz für Millionen Benutzer - YouTube - geworden. Und obwohl das dazugehörige Unternehmen keinen Gewinn abwirft, sind Chad und Steve nach dem Verkauf an Google um umgerechnet 1,3 Milliarden Euro reicher.

Anschaulich

Da hatte das Video, in dem die beiden Gründer die Übernahme durch Google hemdsärmelig kommentierten, wohl auch den Zweck, der rasch gewachsenen "Community" vor Augen zu führen, dass der Einstieg des Netzgiganten Google nichts am Charme des Selbstgemachten der Seite ändern wird.

Bubble

Doch sobald der Verkauf über die Bühne gegangen war, geisterte auch schon die Rede davon durchs Netz, dass aus Web 2.0 eine "bubble 2.0" geworden sei, also eine Neuauflage jener Internet-Euphorieblase, die 2000 geplatzt war. Die astronomische Summe gab Anlass zu Spekulationen, was Google sich davon verspreche. Werbeeinnahmen? Bloß ein gewichtigeres Videostandbein oder den entscheidenden Schritt zum Internetfernsehen? Bis dato ist die kommerzielle Nutzung von Web 2.0 ja nicht etwas, was sich von Bisherigem unterscheiden würde: Zugriffszahlen - und damit Werbung - sind wie früher, was zählt.

vorbilder

Deshalb ist die Übernahmeserie der vergangenen Monate (vor YouTube wechselten ja bereits Dienste wie Flickr, del.icio.us oder Skype die Besitzer) auch der Versuch, sich von den Benutzern nicht abhängen zu lassen und ihrer Verselbstständigung vorzubeugen. Wikipedia etwa erhält sich ja (noch) durch Spenden und durch geschickte Anwendung des Web-2.0-Prinzips LOW, "let others work".

Platz

Dass sich damit viel Geld machen lässt, wissen auch Tom Anderson und Chris DeWolfe. Die zwei Hobbymusiker entwickelten im Juli 2003 als Werbeidee für ihre Band The Raveonettes eine Seite, auf der Benutzer sich präsentieren, Musik hochladen und sich mit anderen vernetzen können. Zwei Jahre später verkauften sie MySpace, inzwischen die größte Kontaktbörse des Netzes, für 580 Millionen Dollar an Rupert Murdoch. Der Medienzampano hatte sich endlich entschlossen, auch internetmäßig Investitionen zu tätigen. Dass er dafür MySpace auserkor, ist nicht schwer zu verstehen: Nach eigenen Angaben hat die Seite mehr als hundert Millionen Mitglieder, deren Selbstzurschaustellungen oft wie selbst gemachte globale Bravo-Seiten aussehen und dem Spiegel als Beweis für eine Diagnose des Internets als Ort der Selbstentblößung dienten.

Probleme

Die Gründer Anderson und DeWolfe sind MySpace erhalten geblieben und arbeiten, obwohl sie nicht mehr müssten, nach Selbstauskunft weiterhin "zwölf bis vierzehn Stunden täglich". Dies wohl auch, um mögliche Sorgenwolken am MySpace-Horizont zu zerstreuen, welche Nutzer angesichts des Umstandes betrüben könnten, dass sie sich nun in der Obhut des "dirty digger" wiederfinden, wie Fox-Besitzer Murdoch vom britischen Satiremagazin Private Eye mit Hassliebe genannt wird.

Unternehmen

Mit einer Art MySpace für Unternehmer und Ich-AGs hat der Deutsche Lars Hinrichs (29) einen Glückstreffer gelandet. Bei der Kontaktbörse OpenBC meldeten sich innerhalb von zweieinhalb Jahren mehr als eine Million Mitglieder an, die den Dienst zur Anbahnung von Geschäftskontakten, zur Arbeitssuche oder zum "Networking" nutzen. Hinrichs rechnet für 2006 mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz. Er arbeitet selbst schon länger profitabel und spricht doch von einer neuen "Blase".

Abwarten

Ob sich die Investitionen in Web-2.0-Erscheinungen auch noch für andere als diejenigen lohnen, die mit einer einfachen Idee und ein bisschen Fachwissen in kürzester Zeit reich geworden sind, wird sich weisen.

Ameisen

Jetzt würden, im Gegensatz zur ersten Blase vor sechs Jahren, funktionierende Unternehmen mit Millionen von Nutzern aufgekauft, ganze Onlinegemeinschaften wechselten hier den Besitzer, bemerken Kommentatoren. Dagegen könnte man halten, dass die Börsenkurse von Neuem in Schwindel erregende Höhen steigen, obwohl den teuer gehandelten Netz-Ameisenhaufen ihre Nutzer ebenso schnell abhanden kommen könnten, wie sie aufgetaucht sind. (Pepe Egger / DER STANDARD Printausgabe, 21.10.06)

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