An Anfang wäre es einfacher gefallen...

23. Oktober 2006, 11:38
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Wonach soll eigentlich ein Spielfilm bewertet werden? Nach dem Interessantheitsgrad seines Drehbuches oder nach dessen Realisierung? fragt Petra Popovic im Viennale-Blog Tag 10

Petra Popovic (Mo., 23.10., 01:20)

Foto: Viennale
"Eleghia Zhizni. Rostropovich. Vishnevskyja"
Alexander Sokurov (Russland 2006)
"Am Anfang wäre die Wahl viel einfacher gefallen, aber da hatte ich wenig zu sagen und dafür auch zu wenig Zeit/Lust. Nun hat sich fast ein 1/3 herausgehoben von dem ich kurz für all jene berichten werde, die direkt oder indirekt auf ein komplettes und abgerundetes Erscheinen unserer Statements bestehen. 1/3 sage ich, der Rest ist Mittelmaß und gut Ding braucht Weile! By the way, wenn ich mir die Postings so flüchtig ansehe, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser alte Spruch für manche frei- oder unfreiwillige "Opfer" der heutigen postmodernen Gesellschaft schwer begreifbar, oder besser gesagt, nicht brauchbar ist... nun zu den Filmen.

Keine leichte Aufgabe ist es nämlich einen einzigen Preis für zwei unterschiedliche Genres zu vergeben. Einen Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm und einen für den besten Spielfilm würde ich vorziehen.

Es gelten andere Bewertungskriterien, andere Vorgehensweise vor allem. Diese zwei Gattungen zu "mischen" d.h. sie nicht auseinander zu halten, finde ich nahezu diskriminierend. Eine Oskarverleihung könnte in diesem Falle sehr exemplarisch sein.

Sokurov dachte, rate ich jetzt, an den erfolgreichen Verleih, wie so manche mehr, als er sich in seiner Eleghia zwei Berühmtheiten zum Thema machte, die er ganz anbeterisch verewigte. Ein Historiker zeigte nicht zum ersten Mal seine Vorliebe für die Etablierten. Etwas bedauerlich, denn gerade ein vorbildlicher Filmemacher wie er, hätte sich ein "minderwertigeres" Thema leisten können. Und dennoch war in diesem Film für jedermann Geschmack etwas dabei. Ganz egal, ob Kenner oder Nichtkenner, Voyeure oder Schaulustige, Filmanalytiker oder Filmkonsumenten, Sokurov schaffte seinen majestätisch geführten Film mit einer, wenn auch für eine Doku, zu poetischer Treffsicherheit. Seine Kommentare waren zwar zahlreich, aber alles andere als fehl am Platz, wie dies in Gitais News from Home beispielsweise der Fall ist.

Foto: Viennale
"Balordi"
Mirjam Kubescha (I/D 2005)
"Ganz anders geht Mirjam Kubescha ihr authentisches und unverblümtes dokumentarisches Filmwerk an. Die Tatsache, dass man sich in Balordis Anfangsszene auf einer Pippo Delbono verwandten Theaterbühne befindet, lässt alles andere als ein Gefängnis vermuten. Brecht-Theater als Leitmotiv für Eskapismus von der drückenden Realitätsebene, weg von der gebrochenen Existenz und deren Verwandlung in ein fortdauerndes Spiel - ein Kinderspiel - hat man die ganze Zeit den Eindruck. Tatsächlich sieht man in der allegorischen Schlussszene kleine Buben vorm weiten Meer spielen. In diesem Film spürt man die Botschaft der Gebärden unmittelbar ohne dabei das Gehirn intellektuell anstrengen zu müssen. Darin besteht seine ungezwungene Schönheit.

Foto: Viennale
"Sisters In Law" Florence Ayisi,
Kim Longinotto (GB/Kamerun 2005)
Die nüchterne Doku Sisters in Law könnte man mit seiner brisanten Thematik fast schon wie eine gnadenlose Hetze gegen die Männer auffassen, allerdings mit Recht. In einem rechtlosen Staat, wo seit Ewigkeiten allein Religionsauslegungen der sogenannten Gemahlen herrschen, entsteht aus Leiden vieler Frauen eine frauendominante Justiz. Eine Justiz, über die man im Westen lacht, aber gleichzeitig eine Justiz, die vorbildlich ist und in Kamerun viele Frauen- und Kinderleben vor Gewalt beschützte, für Bereitschaft zur Bildung sorgte und bei den Männern entweder Beistand oder Ohnmacht auslöste. Aus nichts etwas zu erschaffen, ist immer eine großartige Leistung, dieses Thema filmisch zu dokumentieren und es nicht nur einer Demokratie aufzutischen, ist ein Muss.

Wonach soll eigentlich ein Spielfilm bewertet werden? Nach dem Interessantheitsgrad seines Drehbuches, oder nach dessen Realisierung?

Foto: Viennale
"Glue"
Alexis Dos Santos (Argentinien 2005)
Ich plädiere für Wie und nicht für Was. In den Filmen Glue, Man Push Cart und Half Nelson sind die Inhalte weder neu noch außergewöhnlich, deren Realisierung scheint aber eine emotionale Saite im Zuschauer zu berühren, die sich im restlichen Spielfilmprogramm nur hochstylisierterweise oder halt ungeschickt und somit "entseelt" wiederfindet. Allein wegen ihrer schauspielerischen Leistungen sind diese drei Filme beachtenswert. Schade, dass wir Glue nicht auf Leinwand sichten konnten, der Film hätte es mehr verdient als manch anderer.

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"Man Push Cart"
Ramin Bahrani (USA/Iran 2005)
Das Pech mit welchem Ahmad in Man Push Cart in seinem Existenzkampf verfolgt wird, ist metaphorisch dargestellt. Seine Frau ist gestorben, für seinen Sohn bekommt er kein Sorgerecht, das kleine Kätzchen als einziger Weggefährte verabschiedet sich auch bald vom Leben, Noe, die junge Spanierin kehrt zurück nach Barcelona und dazu eine Menge versäumter Berufschancen. Einzig bleibt der Karren, der auch irgendwie an allem Schuld zu sein scheint. Es ist sein Käfig voller Erinnerungen aus dem er nicht freiwillig herauskommen kann/mag. Wenn auch etwas gesellschaftlich stereotypisiert im weitesten Sinne des Wortes, der Film bleibt der Wahrheit sehr nah, so wie Weihnachten manche beschenkt während es andere bestraft.

Foto: Viennale
"Half Nelson", Ryan Fleck (USA 2005)
Mehr Ästhetik wendet Ryan Fleck in seiner Darstellungsweise an. Half Nelson wird bestimmt zu einem Kultfilm und das verdient er auch, selbst wenn es den amerikanischen Filmemachern nur schwer gelingt, seine Schauspieler von den hyper-pathetischen Gestikulationen zu befreien.

Fleck hat es in diesem Film schon um Einiges weiter gebracht, jedoch noch nicht so ganz "umgepolt" (denn es ist wirklich nur eine Frage der Umpolung nach Innen und nicht nach Außen). Mit Dos Santos' (siehe Glue!) Bescheidenheit hätte er tatsächlich ein kultiges Meisterwerk geschaffen.

In diesem Sinne, allen Beteiligten gutes Gelingen für die Jurysitzung am Montag!"

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