Hölle, einmal im Monat

24. Oktober 2006, 13:40
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Endometriose ist eine wenig bekannte Erkrankung, an der hier zu Lande zwischen 120.000 und 300.000 Frauen leiden - Über Ursache, Wirkung und Therapie gibt es neue Erkenntnisse

Regelschmerzen sind für viele Frauen die Regel. Einmal im Monat zu leiden gehöre zu einem Frauenleben dazu, wurde über Generationen von Mutter zu Tochter tradiert und die Bagatellisierung von Menstruationsbeschwerden reicht bis in die Ärztepraxen. Zu selten wird den Ursachen der Schmerzen auf den Grund gegangen. So lässt sich erklären, dass eine der häufigsten Schmerzauslöserinnen, die Endometriose, immer noch weit gehend unbekannt ist, obwohl zehn bis 15 Prozent der Frauen an dieser chronisch-unheilbaren Krankheit leiden. Die Endometriose, "eine Erkrankung ohne Lobby", wie sie der deutsche Spezialist Karl Werner Schweppe nennt, gilt als zweithäufigste gutartige gynäkologische Erkrankung.

Frauenleiden

Die Zahl der betroffenen Frauen wird in der EU auf 14 Millionen geschätzt, in Österreich wird die Zahl der Kranken auf 120.000 bis 300.000 geschätzt. Bis aus prä- und perimenstruellen Symptomen oder aus "uncharakteristischen Unterbauchschmerzen" die Diagnose Endometriose wird, vergehen meist sieben bis neun Jahre. In dieser Zeit kann sich die Endometriose ungestört ausbreiten. Folgen, wie Infertilität und Gewebeabsiedlungen in Eierstöcken, Darm, Blase, Bauchfell, ja manchmal sogar Lunge und Gehirn sind möglich.

Mit dem Begriff der Endometriose wird die Ansiedlung von Gebärmutterschleimhaut-Zellen außerhalb des Endometriums, also der Gebärmutterschleimhaut umschrieben. Die anarchischen Zellen verhalten sich, wo immer sie sind, als wären sie im Uterus. Sie verändern sich zyklisch, wachsen, bluten, verursachen Herde, Zysten, Verwachsungen und Entzündungen. Wo entartete Zellen sich festsetzen, davon hängt auch der Schweregrad der Erkrankung und damit auch der dadurch verursachte Schmerz ab.

Entartete Zellen

Die Ursache der Erkrankung ist noch unbekannt. Diskutiert werden mehrere Theorien: Die bekanntesten ist die Transplantations- oder Verschleppungstheorie, die den Rückfluss des Menstruationsblutes durch die Eileiter in den Bauchraum, die retrograde Menstruation, meint. Eine zweite ist die Metaplasietheorie, die davon ausgeht, dass normale Zellen sich in endometriales Zellgewebe umwandeln, ein Vorgang, der bereits beim weiblichen Embryo stattfinden kann. Weitere Vermutungen sind Fehlfunktionen des Immunsystems, die lokale Verschleppung der Schleimhaut bei Operationen an der Gebärmutter sowie die Ausbreitung der Endometriumzellen über Blut- und Lymphbahnen. Auch Umwelteinflüsse wie etwa Dioxinbelastung werden mit der Entstehung der Krankheit in Verbindung gebracht.

Wissenschafter der Université Catholique de Louvain (Belgien) publizierten diesen Sommer eine weitere Theorie, wonach überschüssiges Eisen das Wachstum der Zellen fördere. Im Beckenraum betroffener Frauen wurden große Mengen von Eisen gefunden, das - so die Annahme von Jacques Donnez und seinem Forscherteam - durch den Abbau roter Blutzellen während der Menstruation entstehe. In Tierversuchen wurde das erhöhte Zellwachstum durch Eisenzufuhr nachgewiesen. Donnez sieht "einen entscheidenden Fortschritt". Man könne sich nun mehr auf die Ursprünge und Ursachen der Krankheit konzentrieren und nicht nur auf chirurgische Eingriffe.

Therapiekonzept

Operationen sind die übliche Form eines Therapiebeginns. Endometriose kann durch sonografische Untersuchungen vom geübten Auge zwar entdeckt, aber nicht sicher bestätigt werden. Die endgültige Diagnose ist nur durch eine Laparoskopie, eine Bauchspiegelung, möglich. Bei der minimalinvasiven Operation in Vollnarkose werden Herde lokalisiert und entfernt. Im Anschluss an den chirurgischen Eingriff wird die medikamentöse Behandlung mit Östrogen-senkenden Präparaten empfohlen. Manche davon, wie die GnRH-Analoga, haben starke Nebenwirkungen, versetzen Frauen innert weniger Tage in ein künstliches Klimakterium. Bringen wiederholte Schlüsselloch-Eingriffe keinen Erfolg, wird die Gebärmutter entfernt.

An einer neuen Form der hormonelle Therapie arbeiten Ärzte des AKH Wien. Durch Tierversuche haben sie die positive Wirkung des Schwangerschaftshormons HCG nachgewiesen. Ambros Huber veröffentlichte auf der Website der ÖEV - Österreichische Endometriosevereinigung - erste Informationen dazu: "In Zellkulturstudien und im Tierversuch mit Mäusen haben wir die Effekte des HCG auf die Endometriose studiert; wir konnten zeigen, dass durch Behandlung mit HCG Gene hochreguliert werden, welche zu einer entzündungshemmenden Reaktion führen und das Wachstum von Tumorzellen hemmen können." Aus der klinischen Erfahrung wisse man, dass eine Schwangerschaft die Symptome und Manifestation der Endometriose zum Verschwinden bringe.

Aufklärungsarbeit

Während sich in Deutschland Ärzte zu interdisziplinären Endometriose-Kompetenzzentren zusammenschließen, eine Endometriose-Stiftung die Grundlagenforschung forciert und eine große Krankenkasse Selbsthilfegruppen unterstützt, ist hier zu Lande das öffentliche Interesse an der weit verbreiteten Frauenkrankheit gering. Gertrude Trost, Vorstandsmitglied der Wiener Selbsthilfegruppe ÖEV, ist dennoch optimistisch. "Schön langsam greift die Öffentlichkeitsarbeit." Dem Informationsdefizit der Ärztinnen und Ärzte - hier sieht Trost ein starkes Ost-West-, aber auch Stadt-Land-Gefälle - begegnet die Selbsthilfegruppe mit gezielten Aussendungen. Denn: "Ärzte greifen immer noch zu schnell zum Messer." (Jutta Berger, DER STANDARD, Print, 23.10.2006)

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