Sind nur stillende Mütter gute Mütter ?

22. Jänner 2007, 16:50
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Stillen muss erst wieder neu erfunden werden, sagt die Psychiaterin, die Stillberaterin sieht die Gesundheitspolitik gefordert - eine STANDARD - Diskussion

Ist Stillen wirklich die natürlichste Sache der Welt? Die Psychiaterin Claudia Reiner-Lawugger warnt vor einem moralischen Druck auf junge Mütter, die Stillberaterin Anne-Marie Kern fordert eine bessere Betreuung schon im Spital. Die Fragen stellte Sabina Auckenthaler.

STANDARD: Die WHO empfiehlt, Kinder sechs Monate zu stillen. Ein Großteil der Mütter will das auch tun, selbst wenn es zu Problemen wie Brustentzündungen kommt. Warum steht Stillen in der Diskussion um Mutterschaft so im Mittelpunkt?

Kern: Stillen ist vom biologischen Ablauf her die natürliche Folge von Schwangerschaft und Geburt. Der Körper ist vom ganzen hormonellen Geschehen her auf das Stillen eingestellt. Ein Baby braucht am Beginn des Lebens Geborgenheit, Nähe, Wärme und Nahrung. All diese Bedürfnisse sind mit dem Stillen erfüllt.

Reiner: Aber Stillen hat auch eine kulturelle Dimension. Es steht heute auch deshalb im Zentrum, weil wir es wieder "neu erfinden" müssen. Durch das Aufkommen der Fertig- nahrung hat das Stillen einen starken Einbruch erlebt. Füttern mit dem Fläschchen galt eine Zeit lang als "normal". Hinzu kommt, dass durch die Struktur der Kleinfamilie heute viele Frauen keine Vorbilder haben, wie man mit einem Baby umgeht.

Und Fernseher und Hochglanzmagazine zeigen ja immer nur, wie man Babys süß anziehen kann oder welche schicken Kinderwagen es gibt. Deshalb ist es notwendig, diese scheinbar natürlichen Dinge neu zu lernen.

STANDARD: Es heißt immer wieder, Stillen sei das Beste für Mutter und Kind. Warum?

Kern: Gestillte Kinder leiden weniger an Infektions- und Durchfallerkrankungen und bekommen seltener Allergien. Auch die Mutter profitiert: Die Gebärmutter bildet sich besser zurück, und sogar das Brustkrebsrisiko wird vermindert. Darüber hinaus hilft das Stillen der Frau, besser in die Mutterrolle hineinzuwachsen.

Reiner: Ich bin prinzipiell sehr für Stillen. Aber es gibt Situationen, in denen es für Frauen nicht das Beste sein muss. Wenn eine Mutter mit der neuen Situation völlig überfordert ist, vielleicht sogar psychisch erkrankt, hat sie oft gar nicht die Offenheit, das Kind zu stillen. Manchmal ist es dann entlastender, der Frau zu sagen, dass sie nicht unbedingt stillen muss.

STANDARD: Es heißt sogar, dass gestillte Kinder intelligenter seien.

Kern: Das ist in einigen Studien belegt. Das heißt nicht, dass im Einzelfall gestillte Kinder nie Nachhilfe brauchen, aber insgesamt gesehen ist es so. Der Zusammenhang ist folgender: Muttermilch enthält viele langkettige ungesättigte Fettsäuren, die für Gehirnentwicklung und Entwicklung des Zentralnervensystems förderlich sind.

Und beim Stillen selbst werden alle fünf Sinne angeregt. Das Kind spürt, hört, riecht, sieht und schmeckt die Mutter. Das ist gerade in der ersten Zeit, in der die verschiedenen Synapsen im Gehirn gebildet werden, eine gute Basis.

Reiner: Also hier, glaube ich, wird zu viel des Guten in das Stillen hineininterpretiert. Es ist für Mütter, die ihr Kind mit dem Fläschchen füttern, genauso möglich, Nähe zu ihrem Baby aufzubauen. Diese Argumente gehen mir zu sehr in eine moralisierende Richtung. Und auf Frauen, die Schwierigkeiten mit dem Stillen haben, üben solche Studien einen enormen Druck aus.

STANDARD: Sollte man diese Studien also gar nicht veröffentlichen?

Kern: Wir können nicht so tun, als ob es keinen Unterschied machen würde, ob ein Kind gestillt wird oder nicht. Die Vorteile sind nachvollziehbar.

Reiner: Darum geht es nicht. Es sollte nur viel offener und weniger moralisch diskutiert werden. Natürlich soll man die Frauen motivieren, ihre Kinder zu stillen. Aber es darf nicht gleich als verwerflich gelten, wenn jemand nicht stillt oder nicht stillen kann.

STANDARD: Erzeugt die Stillbewegung hier also einen sehr zweifelhaften Druck?

Kern: Ich würde mir wünschen, dass diese Studien in der Gesundheitspolitik ernst genommen werden. Der Druck entsteht nämlich dann, wenn Frauen gern stillen wollen, aber im Spital mangelhaft unterstützt werden.

STANDARD: Was genau läuft auf den Säuglingsstationen schief?

Kern: In den letzten Jahren hat sich auf den Geburtenabteilungen vieles verbessert, jedoch sehe ich als Stillberaterin noch immer viel zu viele Frauen, die schlecht angeleitet und unterstützt wurden. Derzeit ist es so, dass sie zwar hören, Stillen sei das Beste, aber dann gibt es häufig keine einheitlichen Anweisungen.

Unterschiedliche Ratschläge von Schwestern, Hebammen und Ärzten, so gut sie auch gemeint sind, verunsichern. Wünschenswert wäre die Umsetzung wissenschaftlicher Standards in der Stillberatung. Dazu ist es nötig, dass Ärzte, Hebammen und Schwestern Fortbildungskurse zum modernen Stillmanagement besuchen. Nur dann ist eine "evidence-based" (Anm: wissenschaftliche Auswertbarkeit aus empirischen Daten) Stillberatung möglich.

STANDARD: Sie meinen die Initiative "stillfreundliches Krankenhaus"?

Kern: Die von der WHO und Unicef vergebene Zertifizierung "stillfreundliches Krankenhaus" haben in Österreich derzeit 13 Krankenhäuser, eines davon in Wien. Hier wird den Müttern nach einheitlichen Richtlinien das Stillen gezeigt. Eine Studie aus der Schweiz bestätigt, dass Frauen, die entsprechend angeleitet werden, später weniger Probleme haben und auch länger stillen.

Manche Wochenbettstationen beteiligen sich an der Initiative aber nicht, weil sie von den Zuwendungen der Babynahrungsindustrie profitieren. Eine Auflage für ein stillfreundliches Krankenhaus ist aber, dass es keine Werbung für industriell gefertigte Babynahrung gibt.

STANDARD: Ist künstliche Babynahrung nicht auch ein Segen?

Reiner: Immerhin muss man sagen, dass eine Mutter, die das Kind mit dem Fläschchen ernährt, in gewisser Weise flexibler ist, weil auch der Vater oder eine andere Person einmal füttern kann. Ein reifer Umgang mit dem Stillen bedeutet für mich auch, dass es möglich sein muss, über Vor- und Nachteile offen zu sprechen, ohne dass dies einem Tabubruch gleichkommt.

Kern: Natürlich ist es ein großer Fortschritt, dass es Flaschennahrung gibt. Was wir aber nicht brauchen, ist die Werbung für die Flaschennahrung, die das Stillverhalten in einem Land nachweislich negativ beeinflussen. Nichtstillen ist ein Wirtschaftsfaktor. Wenn man rechnet, dass Flaschennahrung für ein Kind pro Monat etwa 75 Euro ausmacht, wären das bei knapp 80.000 Geburten pro Jahr in Österreich sechs Millionen Euro Umsatz, wenn sich die Stillzeit nur um einen Monat verkürzt.

STANDARD: Liegen die Probleme nur an der Beratung im Spital?

Reiner: Ich sehe ein großes Problem darin, dass Mütter zwar vor und bei der Geburt im Mittelpunkt stehen, sich aber bald nach der Geburt alles nur mehr um das Kind dreht. Ich mache häufig die Erfahrung, dass Frauen zwar im Spital zum Stillen angeleitet werden und dass es am Anfang funktioniert. Aber teilweise entwickeln sich Schwierigkeiten erst später. Hier wäre der vermehrte Einsatz von Hebammen, die Frauen zu Hause betreuen, wünschenswert.

Kern: Es wäre sehr wichtig, dass mehr Stillambulanzen eingerichtet werden. Es gibt in ganz Wien nur eine einzige solche Einrichtung: die Babycare-Ambulanz im Preyer'schen Kinderspital. Das ist für eine Großstadt beschämend wenig. In den Bundesländern ist das besser geregelt, dort gibt es vielerorts bereits Stillambulanzen in den Krankenhäusern.

Reiner: Und trotzdem ist es wichtig festzuhalten, dass es einen gewissen Prozentsatz an Frauen gibt, bei denen das Stillen halt nicht funktioniert - warum auch immer. Das passiert auch Frauen, die ihr Kind unbedingt stillen wollen und die vielleicht sogar eine gute Stillberatung erfahren haben.

Man muss mit dem Ganzen etwas weniger dogmatisch umgehen, denn sonst bleiben diese Frauen mit dem Gefühl zurück, versagt zu haben. Und das kann sich auf die Mutter-Kind-Beziehung auch negativ auswirken.

STANDARD: Ihr Rat an Frauen, die stillen wollen?

Kern: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ein gutes Stillbuch, sich mit anderen austauschen und eine ausgebildete Stillberaterin (IBCLC). Stillen ist wohl natürlich, aber man braucht manchmal Unterstützung.

Zur Person

Claudia Reiner-Lawugger (44) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin mit der Spezialrichtung integrative Gestalttherapie.
Darüber hinaus ist sie Leiterin des Departements für perinatale Psychiatrie der 2. Psychiatrischen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals in Wien, das sie aufgebaut hat, und Mitglied des Netzwerks Postpartale Depression des Wiener Programms für Frauengesundheit.
Reiner-Lawugger ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Wien.

Anne-Marie Kern (49) ist Still- und Laktationsberaterin nach dem International Board Certified Lactation Consultant (IBCLC) und seit 25 Jahren in der Stillberatung tätig.
Sie ist Gründungsmitglied und Präsidentin des Verbands der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs, Koordinatorin und Gutachterin der Initiative "Stillfreundliches Krankenhaus".
Kern ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Biedermannsdorf.

Link
Verband der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs (VSLÖ)

  • "Was wir nicht brauchen, ist die Werbung für Flaschennahrung, weil sie das Stillverhalten eines Landes nachweislich negativ beeinflusst." Anne-Marie Kern
    foto: standard/christian fischer

    "Was wir nicht brauchen, ist die Werbung für Flaschennahrung, weil sie das Stillverhalten eines Landes nachweislich negativ beeinflusst." Anne-Marie Kern

  • "Man muss mit dem Thema etwas weniger dogmatisch umgehen, sonst bleiben die Frauen mit einem Gefühl des Versagens zurück." C. Reiner-Lawugger
    foto: standard/christian fischer

    "Man muss mit dem Thema etwas weniger dogmatisch umgehen, sonst bleiben die Frauen mit einem Gefühl des Versagens zurück." C. Reiner-Lawugger

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